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DEZEMBER 2004
Auf der Jagd nach dem Besonderen
Haydn musste in den Käfig und der Wiener Fleischmarkt wird zur Avenue X: Die
Wiener Kammeroper - das lebendige Erbe des Hans Gabor aus Budapest
“Wir wollen kein Stadttheaterprogramm machen“, verkündet vehement Holger Bleck, Direktor der Wiener Kammeroper auf unsere
Frage, wie man sich zwischen solch etablierten Häusern wie der Volks- und der Staatsoper behaupten könne. Statt dessen befindet er sich “... immer auf der Jagd nach dem Besonderen, dem Feinen,
der Rarität aus Opera buffa, Musical, Barockoper und Moderne.“ Seine Waidgefährtin ist Isabella Gabor, ebenfalls Direktorin des Hauses und die Witwe des Theatergründers Hans Gabor, der vor fast
60 Jahren aus Budapest kam, in Wien seine Musikstudien weiterzuführen und alsbald die Kammeroper gründete, die sich bereits in ihrer 51. Spielzeit befindet.
Aus Liebe zu verschütt gegangenen Werken der Opernliteratur und zur Förderung
junger Sängerinnen und Sänger fanden sich unter Hans Gabor Newcomer und berühmte Namen zusammen, darunter Eberhard Wächter und Waldemar Kment, der
junge Harnoncourt spielte Cello im Orchester und das enfant terrible der Wiener Kunstszene, Alfred Hrdlicka, brachte seine gestalterischen Wagnisse auf die Bühne.
Am Grundkonzept hat sich seit dem nicht viel geändert, zumindest was den unbedingten Willen zur Qualität und Rarität
betrifft. Im alten Ballsaal eines ebenso alten Hotels unter tschechischer Leitung, mit Balkon, Zierrat, Lüstern und Patina, proben heute junge Leute wie auch damals, engagiert
für die neueste Produktion des Hauses, die in diesen Tagen Premiere haben wird.
Es ist ein a capella-Musical, “Avenue X“, eine Westside-Story-Variante, ein Märchen
von Liebe und Hass und den Sehnsüchten junger Menschen. Kurz zuvor auf selber Bühne: La finta giardinera, eine Jugendoper von Mozart, ein Märchen von Liebe und
Intrige, und den Sehnsüchten junger... nun, sie wissen schon... Der Wille und Wunsch, das Menschliche in immer neuen Varianten, verschiedenen Genres der
Bühnenkunst wiederzuentdecken, scheut gerade darum die Brüche nicht.
Die Jugend suchte und sucht eben ihren Ausdruck, ihren Stil. Jugendstil? Das Genre der Barckoper wird im Kontext mit der
Moderne und diesem gehaltvollen “Crossover“ aus der Fehldeutung des Abgeschmackten, bestenfalls noch angenehm Repräsentativen herausgeholt und es ist spannend und gleichzeitig unterhaltsam die
breite aber feine Palette des Hauses zu beobachten und auch dessen Kämpfe. So kann es schon einmal passieren das Haydns “Infedeltá delusa“ (“Untreue lohnt sich nicht“ – hört, hört!) in einem Käfig
spielt, was dann teils heftige Diskussionen unter den Abonennten auslöst. Aber die Abonnenten hier diskutieren wenigstens noch! Die Direktion kann einige Dutzend
Kündigungen gut hinnehmen (wenn auch natürlich unter aufrichtig bekundeten Schmerzen), denn bald darauf kam fast die gleiche Zahl neuer Abonennten hinzu.
Das Theater lebt. – Und wovon? “Wir finanzieren uns ungefähr zu je einem Drittel
aus staatlichen und städtischen Zuschüssen sowie aus Eigeneinnahmen, also Kartenverkauf und Sponsoring.“ Im Nachfragen stellt sich natürlich heraus, daß
nichts natürlich ist und der Kampf ums Budget teilweise mit eigenartigen Argumenten geführt wird. So erklärte erst kürzlich ein hoher, entscheidungs- und
auch sonst offenbar ganz wichtiger Beamter im Kanzleramt dem 1999 aus Deutschland nach Wien gelangten Bleck, daß man es hier gar nicht gern sähe, wenn
“ein Deutscher ein Wiener Theater leitet.“ Hoffentlich weiß der arme Mann auch, was hinter seinem Rücken bald geschieht: Werke von Engländern und Italienern, ja sogar eines Russen, werden aufgeführt.
Im Februar hören wir die Opernrarität “Venus und Adonis“ von John Blow, durchsetzt
auch mit Musik seines Schülers Purcell, im Mai steht “Moskau, Moskau“, eine schräge Komödie des wohl letzten Genies der Komposition, Schostakowitsch, als
österreichische Erstaufführung auf dem Programm. Im Sommertheater erfahren wir von “Rita oder der geprügelte Ehemann“, einer Komischen Oper Donizettis. Nicht zu
vegessen: der von der Kammeroper initiierte “Hans Gabor Internationale Gesangswettberwerb“, der sich in über 25 Jahren, mit jährlich hunderten
Teilnehmern aus tausenden Bewerbern, unumstritten zur “Wall Street der Stimme“ etabliert hat. Zudem lockt man das Publikum im Sommer ins Freilufttheater Schloß
Schönbrunn. Jedes Jahr werden es vier bis fünf Premieren in den verschiedenen Genres, mit immer neuen Truppen und Kreativteams. Mut und Feinsinn in der
Stückwahl, möglichst kompromisslose Qualität in der Durchführung und eine junge, offene und fördernde Atmosphäre im und um das Haus. Das ist das lebendige Erbe
des Hans Gabor aus Budapest – und, Herr Bundeskanzleramtsbeamter: ein gutes Stück Wien!
Weiterführende Informationen und Kontakt: www.kammeroper.at
Nächste Vorstellungen: Avenue X “The A Capella Musical“
A CAPPELLA MUSICAL von John Jiler & Ray Leslee Premiere: 16.Dezember 2004, sowie: 18.,21.,28., 30. und 31. Dezember, 4., 6., 8., 11., 13., 15., 18., 20., 22., 25., 27., 29. Januar
jeweils 19.30 Uhr
Die Wiener Kammeroper verlost an die Leserinnen und Leser
2 X 2 Freikarten für das Kammer-Musical "AVENUE X"
Senden Sie einfach eine Email mit Stichwort “PESTER LLOYD an mit folgenden Angaben:
Namen, Vorname E-mail Adresse, Telefonnummer zur Kontaktaufnahme an ticket@wienerkammeroper.at
Der Vorstellungstermin erfolgt in Absprache mit der Kasse
der Wiener Kammeroper und nach Verfügbarkeit.
Inhalt
DEZEMBER 2004
“In Frieden zu ruhen, paßt nicht zu Dir...”
Persönliche Erinnerungen an Marika Rökk
Von Georg Köváry
Sie war ein typisch ungarisches Temperamentbündel. Ein Sprech- talent, das ein Leben lang aufpaßte, ihren
magyarischen Akzent nicht zu verlieren. Eine seltene Allround- begabung: Bühnen- und Filmschau- spielerin, Jazz-, Ballett- und Akrobatiktänzerin, Operetten- und Musicalstar, Schlagersängerin,
Soubrettprimadonna und Komikerin in einem. Der Liebling von mehreren Generationen. Schon als Elfjährige bewies sie ihre Professionalität in der Tanzkunst. Die Amerikaner nan- nten sie liebevoll
“The little queen of pirouettes”. Den Namen hatte sie sich mit Auftritten am Broadway verdient, bereits mit 12 gastierte sie im Pariser Moulin Rouge.
Marika Rökk tanzte schon 1913 – und zwar aus der Reihe. Der Prototyp eines Ungarnmädels wurde nicht in Budapest
geboren, sondern in Kairo. Der Rökk-Papa war ein bekannter Architekt, doch bekannt wurde er als unermüdlicher Agent seiner Tochter.
Kaum eni Jahrzehnt später hatte das Wunderkind beruflich umgesattelt – sie erntete
auf der Bühne eines Budapester Theaters einen Bombenerfolg in dem Lustspiel “Vadvírág”. Danach wurde sie vom Wunderkind zur Wundererwachsenen. Der
Paukenschlag dafür erfolgte in Wien, das Spektakel hieß “Stern der Manege”, u.a. vom österreichischen Kabarettisten ungarischer Abstammung, Karl Farkas. In der
TItelrolle gastierte Marika Rökk. Sie spielte, nein, sie war eine Kunstreiterin. Die Produktion machte Furore; das Stück wurde ins Ungarische übersetzt und in der
nächsten Saison um Budapester Beketow Zirkus, neben dem Zoo, aufgeführt, mit Marika Rökk an der Spitze.
Mein Vater, den ich getrost den ungarischen Karl Farkas nennen darf, trat in jener
Produktion als Conferencier auf. Einmal nahm er mich, damals noch ein Kind ohne Wunder, zu einer Nachmittagsvorstellung mit. Bei dieser Gelegenheit machte mich
mein Senior mit der neuesten Sensation von Budapest bekannt: Marika Rökk.
Meine nächste Begegnung mit dem inzwischen ungemein populären UFA-Filmstar
spielte sich ebenfalls in der ungarischen Hauptstadt ab. Das kam so: An einem Sommervormittag 1944 hatte ich beim Budapester Hans Bartsch-Bühnenverlag zu
tun. Im Büro fand ich einen der bekanntesten deutschen Filmregisseure dieser Zeit, Georg Jacoby, vor und lernte ihn kennen. Ich wußte über ihn, daß er nicht nur mit
dem Kino, sondern auch mit Marika Rökk verheiratet war.
Es ergab sich, daß wir den Verlag gemeinsam verließen. Der Meister fragte mich, ob
ich Lust hätte, ihn zu begleiten, der Weg nach Hause führte durch das Stadtwäldchen, es böte sich ein herrlicher Spaziergang bei Prachtwetter an. Als
junger Spund in der Branche fühlte ich mich geehrt und bald kamen wir ins Fachsimpeln. Der große Jacoby erzählte mir die Komödie, die er gerade drehte,
nach einem noch nicht ganz fertigen Drehbuch von Johann von Vaszary. Wenn mir dazu lustige Szenen oder Gags einfielen, sollte ich ihm diese nach Berlin schicken. Ich
tat es, doch durch die Kriegswirren und die Post, die damals fast so langsam und unverläßlich war wie heutzutage, kam mein Brief erst an, als der Film bereits gedreht war.
Ach ja, und als wir am anderen Ende des Stadtwäldchens ankamen, öffnete uns die
Herrin die Rökk-Villa. Dies war meine zweite Begegnung mit dem Star. Sie verkörperte gerade ihre neueste Rolle. Und “verkörperte” ist genau das richtige
Wort: ich sah eine werdende Mutter vor mir. Rotznase wie ich war, litt ich schon damals nicht unter Minderwertigkeitskomplexen: Gleich nach der herzlichen
Begrüßung überschüttete ich sie ungefragt mit mir kürzlich angelesenen Ratschlägen zur Schwangerschaft. Als ich etliche Jahre später Gabriele Jacoby kennenlernte,
wollte die Josefstadtschauspielerin sich partout nicht daran erinnern, daß wir uns schon einmal “getroffen” hatten. Wie vergeßlich doch die Menschen sind...
Nun flüchte ich in ein neues Kapitel. In eine andere Zeit. Eine andere Welt. Wien,
Ende 1956. Inwzischen war die Rökk wieder zum erklärten Liebling des deutschen und österreichischen Publikums geworden. Nach einem kurzen Auftrittsverbot 1945,
als Krieg und Frieden einander ablösten und ausschließlich die amerikanischen Besatzungsbehörden sie zu Gastspielen einluden, hatte sie unzählige Pirouetten auf
Operettenbühnen gedreht. Zum nämlichen Zeitpunkt gastierte sie im Raimundtheater.
Ich beschloß, mir die Vorstellunga anzuschauen und meine Landsmännin anschließend
in der Garderobe aufzusuchen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich den Rökk-Gemahl Nr. 2, den Bühnenregisseur Fred Raul kennen. Der Zweck meines Besuches: ich hatte
eine Filmidee, die ich Marika Rökk auf den berühmte Leib schreiben wollte. Wir besprachen ein Rendezvous zu dritt in einem Café einige Tage später. Dort teilte ich
dem Ehepaar meine Story mit. Arbeitstitel: “Die Königin tanzt”. Die Antwort war höflich, aber negativ: “Ich kann es mir nicht mehr leisten, eine Liebhaberin zu
spielen!” sagte die damals 43jährige mir ungewohnter Selbstkritik.
Gescheiterter Film Nummer 2 ereignete sich viele Jahre später. Es lag diesmal nicht
an ihr, sondern am Schicksal. Der Plot für eine Fernsehserie, den ich ihr bald telefonisch erzählte, gefiel ihr. Diesmal sollte die Hauptrollen auf zwei Leiber
geschrieben werden: die Rökk und ihre Tochter Gaby. Der Titel: “Rökk ’n’ Roll”. Ich sprach einen namhaften deutschen Produzenten an, der von der Idee samt Titel
begeistert war und zusagte, die Serie für das ZDF zu drehen. Der Auftrag war perfekt. Etwa eine Woche lang. Dann starb der Produzent plötzlich an einem Gehirnschlag.
Allmählich hatte sich zwischen Marika, meiner Frau und mir eine Freundschaft
entwickelt, wir besuchten sie öfter in ihrem Heim in Baden bei Wien. Unsere Gespräche mit der Rökk drehten sich meistens um die Rökk...
Als die Proletarierdiktatur in Ungarn immer zahmer wurde und im Ausland bereits
den Titel “Gulaschkommunismus” trug, sah ich die Zeit gekommen, Marika nach Budapest reisen zu lassen und ihren Besuch in einem Fernsehfilm dokumentarisch
festzuhalten. Es war mein langgehegter Plan; mehr als einmal hatte ich versucht, ihr die Idee schmackhaft zu machen, aber sie traute sich nicht nach so vielen
Jahrzehnten, ihre berühmten Füße auf den Boden der Heimat zu setzen. Bis sie endlich ja sagte. Ich empfahl dem damaligen Leiter der Unterhaltungsabteilung des
ORF eine österreichisch-ungarische Koproduktion. Der ORF-Gewaltige war einverstanden und ermächtigte mich, mit dem ungarischen Partner zu verhandeln.
Der damalige Direktor des Budapester Operetten-Theaters gab seinen Sanctus, der Großteil der Aufnahmen könnte in seinem Haus gedreht werden. Es sah nach Sieg
auf allen Linien aus, wenn nicht knapp vor dem Endsieg etwas dazwischen gekommen wäre. Der ORF-Mann teilte mir mit, daß er die geplante Produktion streichen müsse – er habe kein Budget mehr dafür.
Das Ende vom Lied war, daß andere die Fäden in die Hand nahmen und Marika als
Maritza in ihre Heimat brachten. Das heißt sie sang, spielte und hauptsächlich tanzte, die Titelrolle in der Erfolgsoperette “Gräfin Maritza”. Sie warf ihre Beine wie
eh und je, drehte ihre Pirouetten, ließ sich in die Luft werfen... Bei ihrem letzten Auftritt verletzte sie sich an ihren nach wie vor unvergleichlichen Beinen. Danach
betrat sie niemehr die Bretter, die ihre Welt bedeutet hatten...
Sooo bescheiden bin ich nun auch wieder nicht, daß ich diese Memoirensplitter
beendete, ohne auf einige Beispiele für gelungene Zusammenarbeit einzugehen. Einmal rief mich Marika an, um mir mitzuteilen, daß eine Anzahl ungarischer Lieder
keine deutschen Texte hätten. Ich schrieb bzw. übersetzte die Texte, und die Künstlerin nahm dieselben in ihr Repertoire auf... Ich machte auch mit der allseits
Gefeierten ein großes Interview über ihr Leben für den Radiosender Deutsche Welle... MRT, das ungarische Fernsehen, produzierte vor Jahren (die Rökk war noch
nicht in Budapest gewesen) eine Rosy Bársony-Gedenksendung, bei der ich auch mitarbeitete, da ich die Rökk-Vorgängerin, ein UFA-Revuestar bis 1933, persönlich
gekannt hatte. Der Clou der Sendung war ein Statement der Rökk über Bársony.
Das letzte Mal sah und traf ich Marika im Raimundtheater. Sie gastierte in Paul
Abrahams “Ball im Savoy”. Nach der Vorstellung gab es eine Geburtstagsfeier zu ihrem 75. Geburtstag hinter den Kulissen. Danach beschränkte sich unsere Freundschaft auf Telefonanrufe hin und her...
P.S.: Liebe Marika, ich weiß nicht, ob du damals im Trubel der Dich Feiernden,
meine Glückwünsche gehört hast. Jetzt, aus anderem Anlaß, wünsche ich Dir: mögest du drüben in vielen himmlischen Revuen, Filmen und Musicals die Hauptrollen
spielen und in alle Ewigkeit Erfolge genießen. Floskeln wie “Ruhe in Frieden” vermeide ich lieber... denn in Frieden zu ruhen paßt nicht zu Dir.
Inhalt
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