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OKTOBER 2005 /
POLITIK
Deutsche Einheit(en) - oder Wer brach den ersten Stein?
Die Deutsche Botschaft in Wien feierte mit prominenten Gästen den 15. Jahrestag der Einheit Deutschlands
Daß zur Buchpräsentation eines vor fünf Jahren aufgelegten Bandes derartige Prominenz erscheint, weist vielleicht auf ein
ganz außerordentliches Werk hin. Vielleicht aber auch mehr auf die guten Kontakte des Autors oder seines Verlegers. Die Deutsche Botschaft in Wien nutzte die Buchpräsentation von „Die Sonne
ging in Ungarn auf“ am 20. September für eine außerordentlich besetzte Gesprächsrunde in Erinnerung an die Deutsche Einheit. Jenes Ereignis, welches vor 15 Jahren die Menschen in Ost und
West und Mitte bewegte und noch heute bewegt, und dessen detail- und facettenreiches Zustandekommen auf politischer Ebene in o.g. Buch aufgearbeitet ist.
Und so konnte sich der Autor, der Botschafter Ungarns in Wien, István Horváth, und
einst übrigens in selbiger Funktion in Bonn, über die Anwesenheit seines Ex-Ministerpräsidenten Gyula Horn ebenso freuen, wie über das Kommen von
Altbürgermeister Helmuth Zilk und den Publizisten Paul Lendvai, der im Hause der Deutschen Botschaft in der Wiener Metternichgasse an der Seite des Hausherrn,
Botschafters Hans-Henning Horstmann, eine eher launige als bei solchen Anlässen oft befürchtete sakrosankte Gesprächsrunde aufzog, deren besondere Würze in der
Kürze lag, die aber noch einiges andere interessante zu Tage förderte. Auch der einstmalige Vizekanzler Alois Mock, dem große Verdienste des richtigen Handelns zur
rechten Zeit zukommen, war, sehr geschwächt wirkend, unter den Gästen und wurde entsprechend gewürdigt.
Die Sonne ging in Ungarn auf - aber mit österreichischer Beteiligung
Gyula Horn rekapitulierte routiniert, in seiner bekannt introvertierten Art, die
Ereignisse des Sommers und Herbstes 1989, sein Bemühen eine gangbare Lösung für die DDR-Bürger zu finden, die „nicht mehr in ihre Heimat zurückgehen wollten.“
Eine Lösung aber, die seinem Grundsatz entsprach, daß „niemand gezwungen werden könne, dort zu leben, wo er nicht oder nicht mehr leben will.“ Lendvai
fragte nach, ob man in Ungarn keine Angst gehabt habe vor sowjetischen Interventionen.
„Ja“, meinte Horn und ergänzte mit hier wohl berechtigtem Stolz, daß man am
Ende der Überlegungen der Konsequenzen einer Grenzöffnung, trotz der beruhigende Signale eines Gorbatschow, auch den Einmarsch der Sowjets auf der
Rechnung hatte. „Politiker müssen aber in der Lage sein, Gelegenheiten beim Schopfe zu packen.“ Eine Bemerkung, die er auch mit großem Lob an Helmut Kohl
vergab und überhaupt die deutsch-ungarischen Beziehungen als die für sein Land maßgeblichen würdigte. Letzterer, so erinnerte der Moderator, sprach im Dezember
1989 im ungarischen Parlament den Dank so vieler aus, daß „Ungarn den ersten Stein aus der Mauer gebrochen“ habe.
Alois Mock und Gyula Horn 1989 an d er ungarisch-österreichischen Grenze
Noch bevor sichs das ebenso prominente wie aufmerksame Publikum versah, hißte
Helmuth Zilk in der deutschen Botschaft die österreichische Flagge. Nicht so, wie er es vielbeachtet, -gelobt und -beschimpft am 3. Oktober 1990 mit der deutschen
Flagge auf dem Wiener Rathaus tat, sondern nur symbolisch aber wortreich. Merklich war der Unmut über die vermeintlich unterbelichtete Rolle Österreichs in
Buch und Disskusion, deren Richtigstellung wohl eher stellvertretend für den immunen Horn der Buchautor Horváth wie ein begossener Pudel entgegenzunehmen
hatte. „Wenn Ungarn den ersten Stein aus der Mauer gebrochen hat, dann hat Österreich vorher schon den Zement aufgeweicht.“
Er sprach damit die zahlreichen Bemühungen des praktisch neutralen Österreichs bei
der Entspannungspolitik an, die Hilfe bei der Aufnahme Hunderttausender Ungarn nach 1956, auch das Risiko, welches das gerade unabhängige Österreich bei der
Fluchthilfe an den Grenzen damit einging, selbiges 1968 mit der CSSR, und nicht zuletzt auch das berühmte „Zaundurchschneiden“ 1989 sei eine gemeinsame Aktion
beider Länder gewesen, kurz: Die Sonne mag in Ungarn aufgegangen sein, nicht aber ohne die Unterstützung Österreichs, alles Dinge, die Zilk im Buch zu kurz
kommen, „was aber natürlich keine Kritik sein sollte“, aber natürlich eine war.
Wiedervereinigung ohne Ostdeutsche?
Botschafter Horstmann beruhigte die vorgetäuscht streitbare Debatte kurzzeitig, in
dem er die globalen Umstände der Einheit beleuchtete, vom KSZE-Prozess über die Ostverträge Brandts, bis hin zu den Konstellationen zwischen Unterstützern und
Gegnern der Einheit bei den Partnern der BRD in Europa und Übersee.
So wurde an dem feierlichen Abend wieder deutlich, daß unterschiedliche Wirkungsorte und
-grade ebenso unterschiedliche Erinnerungen und Gewichtungen beim Blick zurück zeitigen. Und so kann man beobachten wie aus der Deutschen Einheit, viele kleine Einheiten
geworden sind, und bei weiterer Verklärung und Zerstreuung der Fakten noch mehr werden können in fünf, zehn oder dreißig Jahren. Wer brach den ersten Stein aus der Mauer? In
Deutschland meinte man zum Schluß gar, Helmut Kohl hätte die Mauer einfach umgerannt. Doch keiner auf dem Podium außer Gyula Horn ganz am Rande,
erwähnte auch nur mit einem Satz, daß es der Wille der ostdeutschen Bürger war, Menschen, denen der Drang nach Freiheit am Ende fast jedes Risiko wert war, die
letztlich alle Bewegungen und die Deutsche Einheit „in Frieden und Freiheit“ herbeiführten. Der individuelle Verdienst von Politikern, im richtigen Moment das
richtige getan zu haben, sei damit nicht geschmälert, aber sie waren nun einmal - wie es ihnen gebührt - Ausführende und nicht die Initiatoren.
Ob man diesen Gedanken als selbstverständlich voraussetzt, war nicht erkennbar,
daß man die Rolle der ostdeutschen Freiheitsbewegung sträflichst außer acht ließ schon. Allein die Anwesenheit eines wirklich „betroffenen“ Zeitzeugen wäre Geste
genug gewesen den Eindruck zu vermeiden, alles war nur ein Werk der Eliten und nicht ein Sieg von Volkes Macht. Dieses, hier sicher gar nicht gewollte, aber doch
bemerkbare Übergehen des Hauptakteurs erklärt in seiner alltäglichen Ausbreitung auch so manches Wahlergebnis im heutigen Deutschland.
Besonders im Hinblick auf die deutsch-ungarischen Beziehungen leistet das
vorgestellte Buch durchaus einen interessanten und gut lesbaren Einblick hinter die Vorhänge der Macht in heikler Zeit, einer Zeit aber, in der Politik einmal den
glücklichen Ausgang nahm, tatsächlich die Wünsche des Volkes, gar der Völker zu erfüllen, was eigentlich ihre dauerhafte Aufgabe ist. Das letzte Wort des Abends
hatte dann wiederum ein Österreicher, er hieß Mozart und sprach in A-Dur. Ein oppulentes Buffet rundete Abend und Gäste ab.
M.S.
István Horváth Die Sonne ging in Ungarn auf Erinnerungen an eine besondere Freundschaft Mit einer historischen Einführung von István Németh Universitas Verlag 2000
Das Buch kann im PESTER LLOYD-Medienshop bestellt werden
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