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Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 OKTOBER 2005 / POLITIK

 

Kolumne - Wiener Leut´

Simon Wiesenthal 1908-2005

Am 20. September starb in Wien Simon Wiesenthal. Er war das Gewissen Österreichs. Das schlechte Gewissen. Er stach mit dem Finger in eine teilweise bis heute offene Wunde des Landes, das immer wieder, partei- und konfessionsübergreifend versuchte und - zu geringen, aber sichtbaren Teilen - versucht, mit einer Mischung aus Schlußstrichpolitik und Opferrollenspiel die Mittäterschaft am Holocaust und am Verbrechen Zweiter Weltkrieg ad acta zu legen. Er tat dies ex acta, durch seine verschiedenen Dokumentationszentren, vom Wiener Rudolfsplatz bis hin zum Wiesenthalzentrum in Los Angeles. Besonders spektakulär: das Aufbringen Adolf Eichmanns und die Aufdeckung der vatikanischen Fluchthilfe, die zahlreiche SS-Größen nach Südamerika verbrachten. Auch ein österreichischer Bischof war involviert. Insgesamt 1.100 Fälle von Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkrieges landeten nach langen Recherchen vor den Gerichten verschiedener Länder, kein geringer Teil der Verfahren endete mit Freisprüchen.

Seine internationale und nun auch historische Bedeutung reicht dabei weit über das Aufspüren der faschistischen Verbrecher hinaus, denn letztlich sind das Kriegsverbrechertribunal von Den Haag und überhaupt die Unumgänglichkeit von Bestrafung jener Pinochtes bis Milosevics aller Länder und Systeme auch durch seine Beharrlichkeit zu einer  - wenn auch nach wie vor umkämpften - Errungenschaft einer zivilisierten Welt geworden.

Gerade die Beziehung zu seiner Wahlheimat Österreich des aus Lemberg stammenden, 1909 geborenen Juden, der ein Dutzend KZ´s überlebte, ist von Ambivalenzen auf beiden Seiten gekennzeichnet. Vielen galt er als Störfaktor, ja Nestbeschmutzer. Viele waren einfach genervt, von der ewigen Stocherei in der so gerne vergessenen Vergangenheit. In Erinnerung sind uns noch die Affäre Waldheim, doch auch die Fehden mit Bruno Kreisky, selbst Jude, der auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um Schuldfrage und Sühnepolitik Wiesenthal als GESTAPO-Kollaborateur beschimpfte, was letztlich in einem Gerichtsprozess endete, bei dem der beklagte Ex-Kanzler zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist.

Es ist sicher nicht falsch festzustellen, daß zumindest der Anschein von Selbstgerechtigkeit und Besessenheit beim Betrachten des Menschen Wiesenthal nicht ausbleibt. Das betrifft nicht sein Handeln selbst, wohl aber bestimmte Attitüden in der Kommunikation seines Handelns. Schuld daran trägt nicht Wiesenthal, sondern die Gruppen, die sein aufrechtes Streben für politische Zwecke auszuschlachten trachteten. Aber auch Medien, die in ihrer Sensationsgier den Hals nie voll genug bekamen, erinnert sei hier nur an die unbelegte Aufbauschung der ODESSA-Organisation.

Simon Wiesenthal hat - auch im Gegensatz zu vielen Mitstreitern - besonders einen Grundsatz seines Strebens immer wieder in den Vordergrund gerückt, einen Grundsatz, dessen Umsetzung ihm bei seiner Biographie besonders hoch anzurechnen ist: die Individualisierung von Schuld. Er hat nie ein Volk, ein Land, gar eine Rasse in moralische Sippenhaft genommen, auch wenn man gerade dies ihm immer anlasten wollte. Er hat individuelle Schuld festgestellt und ruhte nicht, bis sie gesühnt werden konnte. Die Ursachen dieser individuellen Schuld ortete er allerdings durchaus auf höherer Ebene: in Systemen und Ideologien und in unkontrollierter Macht, nicht aber in menschlichen Gemeinschaften im allgemeinen.

Eine Einstellung, die uns auch für heutige weltumspannende Problematiken ein guter Wegweiser sein sollte und die Wiesenthals Andenken in einem einzigen Wort großartig bewahrt. Er war ein großer Humanist. Und er handelte auch so.

M.S.

 

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