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NOVEMBER 2005 / KULTUR
Dreigossenoper
Premiere der "Beggar´s Opera" - "Bettleroper" an der Wiener Kammeroper
Foto: Kammeroper Wien / (c) Christian Husar
Eine Oper ist es nicht, sollte es auch nie sein. Das liegt am Publikum für das
Gay/Pepusch vor 300 Jahren schrieben. Das Volk. Doch auch Volksoper ist es nicht. Schon seit ca. 100 Jahren versucht ja das gleichnamige Wiener Institut sowohl den
Begriff als auch das Haus mit Inhalt und Publikum zu füllen, was zunehmend aussichtsloser scheint. Daß heißt, man scheint zu fürchten, wenn man von ersterem
zuviel anbietet, letzteres ausbleiben könnte, so als gäbe es nur ein Publikum in Wien...
"Die Bettleroper" in der Wiener Kammeroper. Premiere am 13. Oktober. Einfache
Handlung, mehrfach verstrickt, überwiegend Dialoge, dazu Barockmusik wie aus einem Songbook, anstelle einer Partitur. Barockopernparodie und Volksstück in
einem, fahrende Gesellschaft, Räuberpistole, Krieg den Palästen und Prost Mahlzeit den Hütten. Gaunerpack, Anwaltsgesindel, Huren und Gossengeschmeiß. Rohe
Sprüche, Flüche und Fusel und am Ende war doch alles nur ein großer Spaß. So ist die "Bettleroper" ein Barockmusical? Dafür wird zu wenig getanzt und die Arme zu selten
echauffiert in die Höhe gestreckt. Eine Barockposse mit Musik vielleicht. Vorbild für Brecht-Weils Dreigroschenoper, - eine Dreigossenoper. Der Wert einer heutigen
Aufführung eines solchen Werkes liegt weniger in der künstlerischen Rekonstruktion als in der Wiederaufnahme der Wirkung. Darüber wird noch zu sprechen sein.
(Staatsoperndirektor Ioan Holender sagte mir einmal, daß wir Deutsche an einigen
schrecklichen Krankheiten leiden, darunter die Philosophie und die Kategoriesierungssucht. Und wie alle deutschen Krankheiten, so fuhr er fort,
würde auch die letztere versuchen die Weltherrschaft zu erringen. Und da hat der Herr Direktor recht. Österreich empfing uns bei dieser Eroberung stets
wohlvorbereitet und mit wehenden Fahnen und es sollte am Ende nicht wundern, wenn die Quelle unseres Leidens durch das Inntal flösse. Herr Holender dozierte
weiter: Für die Deutschen - und vor allem diese Journalisten - ist Oper konservativ, Musiktheater progressiv, Musical eher links (wie er darauf kommt?),
Operette aber rechts. So setze ich mich sozusagen pathologischen Erfolgsdruck, wenn ich dem lesenden Publikum erklären möchte, um welches Genre es sich handelt.)
Zurück in die Kammeroper: Spielfreude und geschicktes Bühnenbild. Ein Catwalk
durchzieht den Raum, kreuzweise über Zivilisationsmüll, Computermonitoren, Waschmaschinen, Insignien der Neuzeit führend. Herum gruppiert sich das Publikum
wie auf einem Dorfplatz. Drauf tollt eine muntere Bande von Sängerschauspielern eine alte, ewig junge Mähr von Gaunerehre und Liebessehnsucht, strickt mit einer
dem einfachen Volke verständlichen Sprache und spielerischem Gestus das Bild von denen da oben, die auch nicht besser sind, ja, verdammt nochmal, eigentlich die
wahren Schweine. Also wenn laut Holender Musical schon links ist, dann, Euer Ehren, dann war das hier ja geradezu terroristisch! Witzig nur, daß sich in Wien sogar die
rohen Flüche in diesem leicht angeschmähten Bühnenoperettisch so brav artig anhören können, als würden die Darsteller nach der Vorstellung im nahen
erzbischöflichen Palais Abbitte leisten. Affektion ist noch nicht Provokation.
Viele Anspielungen treffen das heute. Darüber amüsiert sich das Publikum.
Konsequenterer Kabarettismus, Mut zur Unverschämtheit, hätte die teils breitgetretenen Längen einer eher dünnen Story vermeiden können und hätte dem
Original gedient. Keinerlei Respekt vor irgendetwas zu haben, war ganz grundsätzliches Merkmal dieser Art musikalischen Theaters. Wenn man bedenkt, daß
die "Beggar´s Opera" damals mit ihrem fulminanten Erfolg so etwas wie einen Gegenentwurf zur höfischen Oper, eine direkte Provokation des Standesdünkels
darstellte, dann sahen wir heute leider nur eine Parodie der Parodie und stellen wieder einmal fest, daß in Wien sogar der Provokateur ein wohlerzogener Bursche
ist. ("Die Presse" beklagte schon "Geschmacklosigkeiten" - ein Zeichen, daß man doch schon auf dem richtigen Wege war! Und, liebe Kollegen von der „Neuen Freien“
seligen Angedenkens: wer alles verstehen wollte, konnte auch alles hören!)
Die „Beggar´s“ waren die Ausgesperrten, durch diese Oper verschafften sie sich
nicht nur Zutritt zur sondern stellten sich und ihre Probleme gleich auf die Bühne. Das war eine kleine Kulturrevolution, mit Hinlbick auf die Sujets am Hoftheater sogar eine Götterverdammung.
Die Musikeinlagen eines knappen sauber spielenden Dutzends gaben dem
Bühnengeschen einen bänkelnden Ton, waren lyrisches Retardando im prosaischen Spiel. Und es war gut, daß einmal die Qualität des Gesanges nicht die erste Geige
spielen musste, obwohl einige Darsteller die Beurteilunge ihres Gesanges hätten ertragen können. So war es allen ein echter Spass, also ein selten gewordener Grund ins Theater zu gehen.
Weitere Vorstellungen / Cast / Hintergrund: www.kammeroper.at
Marco Schicker
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