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NOVEMBER 2005 / KULTUR
Friede den Herden
Don Carlos versucht sich an der Wiener Staatsoper in doppelter Haushaltsführung
Geben Sie Gedankenfreiheit! Staatsoperndirektor Holender wußte, was er
Schiller und seinem eigenen Ruf schuldig war, als er den neuen Balletchef aus Ungarn, Gyula Harongozó, presse- und publikumswirksam zurückpfiff. Dieser
hatte aus der „Dhiagilew“-Inszenierung, die nichtmal seine war, kürzlich einen Nitsch-Videoeinspieler exszeniert, weil ein paar Damen vom blutigen
Gemetzel auf der Leinwand (!) schlecht geworden war. Hat er sich wohl gängige Marotten aus Budapest mitgebracht. Ein Haus mit solchem Personal
hat andere Probleme als künstlerische, könnte man meinen. Luxusprobleme freilich, wenn man das Siechen des Budapester Opernhauses beobachtet.
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Der 5-Akt-Don-Carlos war der Aufreger der Saison an der Wiener Staatsoper.
Wir wollen wissen, warum. Der Regisseur Peter Konwitschny wird vor allem daher so geschätzt, weil er in der Lage ist, die Inhalte von Stücken freizulegen
und sie von aufführungshistorischem Tant zu befreien. Er bringt seine Analysen dann schlüssig auf die Bühne, überraschende, oft neue Details werden logisch
eingebunden. Er vollführt die Überwindung althergebrachter Übereinkünfte zwischen Theaterbequemlichkeit und Publikumserwartung ohne der Lästigkeit
der meisten zeitgenössischen Regiekollegen anheim zu fallen, die in aufgeregtem selbsttherapeutischen Exibitionismus sich und alles andere daran
setzen Werke zu verinterpretieren, sie zu verstümmeln. Konwitschny aber bricht die Konventionen ohne sie zu erbrechen.
Mit seinem Don Carlos, in der fünfaktigen und -stündigen frz. Fassung trat Peter
Konwitschny noch einen Beweis an. Nämlich, daß Richtigkeit nicht automatisch eine interessante Inszenierung hervorbringt, daß dramaturgische Gründlichkeit
nicht theatralisches Geschick ersetzt, kurz: Wahrheit allein macht kein Theater. Konwitschny schützt vor Langeweile nicht. Das war allerdings neu.
Man kann den französischen Don Carlos drehen und wenden wie man will, man
kommt am Ende doch zu dem Schluß, daß der erste Akt, die Szene im Wald von Fointenbleau überflüssig war und ist. Zumindest aus aufführungsökonomischer Sicht. Konwitschny meint in einem Interview, man
verstünde und empfinde das Elend von Carlos und Elisabeth nur dann richtig, wenn man gesehen hat wie sie sich ihrer Liebe versicherten. Doch Dinge und
Konstellationen als gegeben hinzunehmen, ist eine unabdingbare Voraussetzung von Theater, das Publikum, zumindest das interessierte, darauf trainiert.
Schließlich erfahren wir auch nicht, warum Don Giovanni so ein Lustmolch geworden ist und was in seiner Beziehung zu Donna Elvira eigentlich schief gegangen ist, daß sie so rasend an ihm hängt.
Und was wir wissen müssen, teilt uns ein Meister ohnehin durch die Musik mit.
Weiterer Vorteil der italienischen Fassung: Schlüsselszenen wie die Aussprache Phillip - Posa sind dramatisch dichter und bewegender, die frz. Version verliert
sich immer wieder in modischen Ausmalungen und an den Zeit- und Ortgeschmack anbiedernden Frasierungen, französische Geschwätzigkeit gegen komprimiertes italienisches Pathos in Verdischer Ausführung.
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Ebolis Traum als den Traum vom kleinen häuslichen Familienglück in ein
50er-Jahre-Ambiente zu verlegen, von den Sängern comedyhaft vertanzt ist ganz lustig, aber auch nicht die große Offenbarung, die ein 20minütiges sich
stets wiederholendes Ringelreihen rechtfertigte. Das konservative Wiener Staatsopernpublikum stieß sich an der angeblichen Lächerlichmachung von
Verdis hehrer Musik. Lächerlich gemacht haben sich im schlimmsten Fall die Sänger, die in der Szene den Beweis antraten wie schlecht sie schauspielern.
Allein die kalkulierte Provokation gegen den Spießer im Zuschauerrund rechtfertigt diese Szene, die ansonsten nichts mit Musiktheaterregie zu tun hat.
Das Autodáfé unter Einbeziehung des Publikums und der Pausenräume
verschiebt die Konzentration des Publikums auf Zirkusnummern. Dies sollte eine Art historische Erläuterung auf die Sensationsgier und Schausucht der heutigen
Mediengellschaft bieten, was mich aber bewegte, war: Was blieb bei Verdi von Schiller, was blieb von beiden bei Konwitschny?
Denn die wirklich große Story findet nicht zwischen Eboli und Carlos, oder
Elisabeth und Carlos statt, das sind nur Randillustrationen, die eindrücklich die Verbindung von individuellen Schicksalen mit der großen Poltik transportieren.
Die eigentliche Story ist die zwischen Posa-Phillip-Inquisitor, hier spielt das Freiheitsdrama, hier bricht sich das pazifistische Werk Bahn, hierher gehören
die Schwerpunkte der Inszenierung, die Aufmerksamkeit des Publikums und nicht in die Nebenstränge.
Doch gerade das große, das schillernde Drama verlor sich ein einfacher
Dialogregie auf einer großen hellen Bühne, Skovhus und Miles schrien um die Wette, Skovhus manchmal auch sehr schön, oft aber sprachlich völlig vernäselt,
das ist der Fluch des Französischen Weichspülvokalismus. Der kleine Rámon Vargas versuchte ein weiteres mal hohe laute Töne zu produzieren, aber sang
dann doch wieder knabenhaft in sich hinein, versuchte sich stimmlich wie gestisch an doppleter Haushaltsführung zwischen Staatsaktion und
Pantoffelheld. Er hat eine wunderbar sauber geführte Mittellage, ist aber insgesamt einer der meistüberschätzten Tenöre des Vokaljetsets. Auch die
Wiener Kritik läßt ihn aufgrund seines Namens kritiklos durch. Gerade an den paar Stellen größter der Verzweiflung (Sie ist sein, ich hab sie verloren...) muß
ein Carlos in der Lage sein die Luft zu zerschneiden, alle zu übertönen, doch immer so ab dem a wechselt Vargas in eine Mixstimme, drückt den Ton in den
Schädel und nicht in den Raum. Und: er langweilt irgendwann.
Im Ganzen kein besonders gutes Zeugnis für die große Wiener Staatsoper, die -
wie Direktor Holender kürzlich in der ORF-Pressestunde verkündete - „zu den Top 3 der Welt“ gehört, daß eine der schwächeren Arbeiten des geschätzten
Regisseurs Konwitschny in der letzten Saison angeblich die aufregendste und skandalöseste gewesen sein soll. Man muss die Hoffnung auf mutigere und
fundiertere Regiearbeiten hegen dürfen, solche, wie wir sie von dem Hause kennen, und wie sie ihm als Flagschiff des europäischen Opernlebens würdig wären.
M.S.
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