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DEZEMBER 2005 - JANUAR 2006 / KULTUR
Schwerpunktthema: Wiener Mozartjahr 2006
Mozart, eine Abenteuerreise
Mozart braucht uns nicht, wir brauchen ihn!
- Im Interview mit dem Intendanten des Wiener Mozartjahres, Peter Marboe
Peter Marboe, Intendant des Wiener Mozartjahres 2006, ist in dem zu erwartenden Event-Reigen vielleicht so etwas wie eine Hoffnung auf kunstvolle
Pietät und weise Übersicht. Man könnte fast glauben, er leidet körperliche Schmerzen, wenn er mit einigem, was „sein“ Mozartjahr veranstalten wird, genau
das begehen könnte, was er durch selbiges zu verhindern sucht. Die Kunst der stilvollen Leichenfledderei?! Und doch: eine hörbar schöne Aufgabe. Wir sprachen mit ihm in Wien.
Herr Intendant, wer das „Gedankenjahr“ 2005 beobachtet hat, muß
fürchten, daß man 2006 in Wien Mozart als Marke vereinnahmen und das Mozartjahr am Ende nicht viel mehr als eine gigantische Marketingmaschine für Österreich wird...
Ihre Frage ist mir durchaus zugänglich und vertraut, da ich sie mir zu Beginn dieses
Mandates auch gestellt habe, nämlich, wie geht man mit dieser Gefahr des Overkills um. Mozart eigent sich nicht als Propagandainstrument hat Karl Kraus gesagt, und
das ist mir ein wichtiger Satz. Daher soll es ganz bewußt nicht um ein Marketingjahr gehen, was auch so von der Stadt definiert ist. Denn die Basis meiner Arbeit ist eine
weisungsfreie Intendanz, damit zusammen hängt ein Mindestbudget, damit wir uns, in dem von Ihnen zurecht befürchteten Umfeld, Gehör verschaffen können. Ich sehe
meine Aufgabe nicht darin, nachzuschauen ob an einem Denkmal Blümchen liegen oder weitere Produkte auf den Markt kommen, die mit Mozart zu tun haben,
sondern wirklich in erster Linie zu hinterfragen, was Wien berechtigt sich als Weltmusik- und Weltkulturstadt zu empfinden. Wir sind also keine Subventionsstelle,
sondern wo immer das Logo Mozartjahr zu sehen ist, sind wir zu sehen. Ich sehe also ganz bewußt kein kitschiges Jubeljahr vor uns, sondern ein Anlaßjahr. Mozart
braucht schließlich uns viel weniger als wir ihn.
Wenn Sie sich „Ein Fest für Mozart“ (Anm. siehe Programmtipps) genau ansehen,
dann hat das eben nicht Eventcharakter, sondern es geht um Erleben. Die „Mozart-Reisen“ stimmen die Teilnahmer in ganz anderer Weise gedanklich in das
Mozartjahr ein, denn das Reisen war für Mozart, den europäischen Künstler, ein Wesenselement. Sie werden mehr erfahren, über den Vater-Sohn-Konflikt, über
seine Frauen und die Liebe. Sie werden mehr erfahren über sein Umfeld, sei es das Bäsle, sei es Konstanze. Sie werden dadurch ganz neue Zugänge in die Einordnung
seiner Werke erfahren. Wenn sie sich das Programm genau ansehen, ist das eine sehr konsequente Einladung Mozart wirklich zu begegenen. Peter Ustinov hat einmal
gesagt, daß Mozart für ihn eine der wichtigsten Erfahrungen ist, weil er mit seiner scheinbaren Oberflächlichkeit gleichzeitig in die tiefsten Abgründe und höchsten
Höhen führt, und in diesem Sinne wollen wir mit den Veranstaltungen im kommenden Jahr dafür sorgen, daß die Leute anders weggehen als sie hergekommen sind.
Im Rahmen des Mozartjahres organisieren sie auch eine „Höllenfahrt“. Ein
Projekt in dem sie über 170 Off-Theater aus aller Welt zur Einreichung von Produktionsideen rund um dieses Thema einluden. Beim Casting, der
„Vorhölle“ im vergangenen Juni, fiel mir vor allem das mit Mozarts Wirken völlig im Gegensatz stehende fehlende Qualitätsbewußtsein der „Szene“ auf,
wird sie so überhaupt in der Lage sein, Akzente, auch Kontrapunkte zu setzen?
Sie zeigen da schon etwas sehr wichtiges auf, nämlich ob es den im Off-Theater
beteiligten Gruppen, aber auch den Musikern und Filmemachern, die alle von uns Auftragswerke bekommen, gelingen wird, die Chance, die sie aus diesem Anlaß
bekommen, auch wahrnehmen. Das ist schon ein Offenbarungseid. Man kann ja Kreativität nicht anschaffen, wir werden dafür nur die Bedingungen so gut wie
möglich schaffen können und es wird sehr interessant sein, zu sehen, ob es dann gelingt, ob kreative, wertvolle, auch visionäre Arbeit geleistet werden wird. Das
Zeitgenössische ist uns gerade im „Spirit of Mozart“ wichtig, dazu zählen 6 neue Opern, 25 Orchesterwerke, Theaterstücke, zahlreiche Kurzfilme, mit der
ernsthaften Absicht, zu schauen, wie man heute mit dem ganzen Spektrum Mozart umgeht. Es ist ein Experiment.
Wien und Mozart, das ist ein Thema für sich. Freiheitstrunken und
enthusiastisch kündigte er 1781 beim Salzburger Erzbischof und stürzte sich in die damals bedeutendste Musikstadt, den „herrlcihsten Ort für mein
Metier“. Erst hat man ihn verkannt, er war zu modern in seiner Kunst, zu subversiv, zu anarchistisch in seinem Lebensstil. Die Hofcamarilla
verhinderte sein Fortkommen wo sie konnte. Daß er nicht darbte, hat er ein paar Freunden und hohen Schulden zu verdanken, vor allem aber seinem
Talent. Man schmiss ihn in ein Massengrab, riss sein Sterbehaus ab, verhunzte ihn mit einer peinlichen Statute, vermarktet ihn wie man nur
kann und wer sich auf die Suche nach seiner Sterbestelle macht, landet am Ende im Kaufhaus Steffl, und findet eine geschmacklose Billiggipsbüste zwischen Wasserspender und Unterwäschereklame.
Wird es im Mozartjahr auch eine kritische Sicht auf Wien und Mozart geben,
was haben wir mit unserem Genie gemacht, was machen wir mit unseren „Genies heute?
Ja, das halte ich für sein sehr wichtiges Thema. Natürlich muß man auch fragen,
warum ist Mozart mit solch einer Freude von München nach Wien gekommen, und warum hat er Wien als „herrlichste Stadt für mein Metier“ bezeichnet. Er ist ja
auch bewußt nicht nach London gegangen, obwohl er von dort eine Einladung hatte. Mozart blieb auch hier, weil er so gut verdient hat, die These vom „darbenden
Mozart“ ist ja längst widerlegt. Aber natürlich soll man nichts beschönigen und soll die Wahrheit ertragen. Daher bin ich ja auch persönlich gegen jede Art von
Vereinnahmung, sei´s religös, sei´s durch die Aufklärer, sei es durch Nationalisten, gar nicht zu reden von den Obszönitäten durch die Nazis. Deshalb sehe ich für das
was wir tun, die Auseinandersetzung im Vordergrund stehend, was aber nicht heißt, das man sich nicht auch freuen soll, wenn das „vielleicht größte Genie der
Menschheitsgeschichte“ (Hildesheimer) hier zehn Jahre gelebt hat und man heute noch tatsächlich seinen Spuren begegenen kann. Das ist ja auch eine interessante
Frage, ob sich Wien anders entwickelt hätte, wenn Mozart beispielsweise nach München gegagen wäre. Daher ist es duchaus legitim mit diesem Begriffspar Wien-Mozart auch in Relation zueinander umzugehen.
Das hat eine ganz eigene Dimension. Deshalb ist ja auch diese Aufgabe eine so
erfreuliche. Ich bin wirklich überzeugt, daß ein Leben mit Musik insgesamt und mit Mozart im besonderen ein schöneres, menschlicheres ist als ohne. Es gibt aber sehr
sehr viele Leute, die dieses Glück, diesen Zugang nicht haben. Und daher empfinde ich es schon auch als Auftrag, daß man anläßlich eines solchen Jahres - ohne dabei
missionarisch oder überdidaktisch zu wirken - darüber nachdenkt, wie man diese Freude auch anderen mitteilen kann, die dieses Privileg aus sozialen Gründen nicht
haben .Ich fände es fahrlässig, wenn wir diese Frage außer acht ließen. Daher werden Sie in usnerem Programm auch genau diese ungewöhnlichen Begegnungen
außerhalb des normalen Musikbetriebes, an Schulen und anderen Einrichtungen geben.Wie es aber natürlich auch möglich sein wird, die bekannten und weniger
bekannten Werke in großartigen Prouktionen an der Staatsoper oder dem herrlichen Theater an der Wien zu erleben.
Haben Sie in der für Sie jetzt sicherlich sehr hektischen Zeit überhaupt noch
die Ruhe und die Kraft, Mozart wirklich zu hören?
Also diese Zeit sollte man sich wirklich nehmen. Viele Leute haben vielfach
beschrieben, was ihnen Mozart gibt. Allen gemeinsam ist dieses Gefühl der Einzigartigkeit. Daß Mozart uns die unglaublichsten Abgründe aufzeigt, und je mehr
man sich auf ihn einläßt, desto mehr tut er das, - die Donna Anna, die wird ja immer unheimlicher, je öfter man sie sich anhört - uns aber gleichzeitig nicht im
Stich läßt, uns immer auch gleich wieder einen Weg heraus zeigt, und uns damit unglaubliche Einsichten in die Dimensionen de Lebens eröffnet, die wir sonst nicht
hätten. Mozarts Musik ist eben nicht einfach nur herrlich und macht glücklich. Man ist am Ende vielleicht glücklich, weil man mit ihm immer wieder diese Abenteurreise mitmachen muß.
Das Gespräch führte Marco Schicker
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