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DEZEMBER 2005 - JANUAR 2006 / KULTUR
Schwerpunktthema: Wiener Mozartjahr 2006
Kommentar
"Ich will selbst den Herren machen"
oder
Die Kunst der stilvollen Leichenfledderei
"... und nun, wo er nicht mehr unter ihnen weilt,
werden die Wiener erst wissen, was sie an ihm hatten ..." (Allgemeine Musikzeitung, Berlin, 31.12.1791, Nachricht zu Mozarts Tod)
Das Wiener Mozartjahr 2006, mit seinem Slogan "The Spirit of Mozart", wird, ob
man will oder nicht, eine Vereinnahmung, letztlich eine Unterstellung als Ausstellung, so als ob der Geist Mozarts in Vitrinen, auf Leinwände, Bühne oder in Sackerl zu bannen wäre.
Karl Kraus, "Gottseibeiuns" aller publizitären Phrasendrescher, meinte einmal, daß
sich Mozart nicht als Propagandainstrument, zur Vereinnahmung, eigne. Kraus, der stets mit Händen und Füßen, Witzen und Fackeln die Worte und deren Verwendung
nach ihrem Sinn durchleuchtete, muß hier berichtigt werden. Denn ein Vereinnahmer fragt ja nicht nach der Eignung, und so kann durchaus jeder Mozart
zwar vereinnahmen, doch wird dieser wiederum jeden, der ihn für seine Zwecke zu biegen, stutzen, etikettieren, verpacken sucht, entlarvt werden. Durch Mozart,
durch Mozarts Werk selbst. Der immer es wie immer versuchen wird, sich und ihn aufzuspielen, er hat sie alle schon einmal komponiert, Mozart der universelle
Menschenflüsterer, dem es gelang den Menschen ihre Fratze zu zeigen, diese aber erstaunlicherweise dennoch wie ein Gesicht aussehen zu lassen.
Die Eventfabriken stehen in den 2006er-Startlöchern, um mit Ramsch und Radau
ihren Profit an Wiens größtem Gastarbeiter einzufahren. Über diese geschäftstüchtigen Schmeißfliegen, die sich am Kulturhaufen unvermeidlich ihren
Anteil abholen werden, wollen wir nicht weiter herziehen. Man wird sie nicht los, man kann sie nur ignorieren.
Noch viel weniger los wird man ein anderes Häuflein von Mozartvereinnahmern, die
Mozart-Verteidiger. Diejenigen, die sich ritterlich gebärdend in Harnisch werfen, "ihren" und unser aller Mozart zu verteidigen und dabei "jenen", also allen anderen
das Recht und die Fähigkeit absprechen, den Komponisten würdig zu ehren und zu feiern. Sie wettern gegen jedes Event mit Slogans und Parolen, die selbst gern Event
sein möchten. Diese armseligen Randfiguren des Mozartkultus, diese Loge zur ungekrönten Hoffnungslosigkeit, mögen sie sich selbst zum Gespött ihres Mittelmaßes machen.
Da wäre zum Beispiel der Kolumnist des Amtsblattes "Wiener Zeitung", der sich Mitte
November schon in die ganz schnoddrige Feuilletonistenimitantenpose warf und sich ermächtigte ein Urteil zu fällen, offenbar jedoch ohne einen Funken Ahnung zu
haben. Man solle u.a. über Mozarts frühe Oper "La Finta semplice" den Mantel des Schweigens decken und überhaupt sei das Aufführen aller seiner Werke im nächsten
Jahr überflüssig. Dabei hat jeder Bäslebrief des Nichtschriftstellers Mozart mehr Geist und Intellekt als das Spät- wie Gesamtwerk dieses unmusikalischen Schreiber-Gesellen je haben kann.
Oder was will der berühmte Radiomoderator und Lanner-Priester B., der auf
mozart.at als Experte aller muskalischen Klassen gepriesen wird, mit seinem Statement sagen: "Mozart ist bei Marboe nicht in richtigen Händen" außer: ich
könnte das besser, warum er, warum nicht ich? Ich will auch den Ruhm, ich kleines armes Leoporellochen, ich will selbst den Herren machen. In diesen ganzen Unfug
passen auch 90% der auf uns zurollenden Publikationen von persönlichen Ansprachen der Verehrer, die alle mehr oder wenig offenkundig meinen, die anderen hätten
keine Ahnung, sie hätten den Draht zum Genie, das Gespür IHN wirklich zu verstehen, sie kennen den "richtigen" Mozart.
Freilich ist da auch viel Wiener Kliquenzauber und Proporzinfektion dabei, in der man
sich gar nicht wenig genug auskennen möchte, natürlich sind viele Fragen zu stellen, an 10 Mio für das Sellars-Projekt, denn was weiß man schon darüber, außer das es
teuer ist und stattfinden wird? Das ORF ist viel teuerer und findet auch statt und was weiß man darüber?
Es ist keine Frage, daß wir im nächsten Jahr eine große Zahl von Stil- und
Geschmacklosigkeiten, vor allem auch an Überflüssigem ertragen werden müssen. Doch das wissen wir auch ohne die ebenso überflüssigen Statements
profilierungsneurotischer Wald- und Wiesenkommentatoren der öffentlich-rechtlichen Medienkantine. Wien hat zuviel an Mozart gut zu machen, als daß die Wiener
Publizität das Recht hätte, sich als sein Verteidiger aufzuspielen. Es sind ersteinmal Taten nötig, um zu sehen, ob nicht auch ein paar gute darunter sein könnten.
Mozarts Werk ist über all dem erhaben, das der Vermarkter verwandelt sich am
Ende in Stapel von Papier, bei den einen in Geld, bei den anderen in Aritkel und Berichte. Kann man ersteres wenigstens noch im Wirtshaus in Sinnliches umtauschen
und es so im Mozartschen Sinne lebendig machen, landet letzteres irgendwann unweigerlich dort, wo Mozart sein Bäsle am liebsten küsste.
Mozart ist gnädig mit seinen Bewunderern wie mit seinen Verhunzern, er geht
spielend über sie hinweg, bietet jedem ein Asyl. Es ist beruhigend, daß am Ende des Jahres einige Arpeggien aus seinen Kadenzen genügen werden den Lärm der
Schacherer wie den der intellektuellen Mitesser hinfortzuspülen, so wie der Salzburger Schnürlregen immer wieder den den Staub der Touristen von der
Getreidegasse fegt und wie Wiens steife Brisen im Allegretto die Japaner aus der Stadt wehen.
Dann, ab dem 1. Januar 2007 werden die Wiener vielleicht wieder wissen, was sie an
ihm haben, dann, wenn "er" wieder unter uns ist.
m.s.
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