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Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 DEZEMBER 2005 - JANUAR 2006 / KULTUR

 

Tannhäuserl

Wiener Vorstadt versus Wagners Venusberg
- Nestroy / Binder: "Tannhäuser in 80 Minuten" am Burgtheater

"Tannhäuser in 80 Minuten" ist mehr als nur eine der schon im 18. Jahrhundert vor allem beim Volke äußerst beliebten gerafften Verballhornungen pathetischer Opernvorlagen. Es ist die Erdung des Wagnerschen Pathos auf Wiener Maß. Schmäh versus Leitmotive, Schrammelsieg statt Sängerkrieg und die Venusgrotte ist ein Beisl in der Vorstadt. Die zentrale Pointe dieses geistreichen Spaßes besteht in der Verbannung Tannhäusers aus der Sängerhalle auf der Wartburg an eine Bühne " ... wo man die Zukunftsoper kultivirt / weil man bei der am schnellsten seine Stimm ruinirt." Man gibt darin Wagners und dessen Anhängers Attitüde von der "Zukunftmusik" mit den unschlagbaren Mitteln des Volkshumors tüchtig einen mit, bearbeitet als Ein-Mann-Stück mit Begleitung durch das Quartett der "Neuen Wiener Concert Schrammeln". Diese spielten Tannäuser-Adaptionen und Parodien sowie burleske Wienerlieder nach Vorlagen von Carl Binder, damals Kapellmeister des Carl-Theaters und vielfacher Komponist von Bühnenmusiken zu Nestroystücken. Nestroy wiederum hatte selbst auf eine nicht unbedeutende Karriere als Opernsänger zurückzublicken, wußte also wovon er 1857 schrieb. Sein Tannhäuser reüssierte in Wien übrigens vor Wagners (1859), was dazu führte, daß bei der Erstaufführung der Originaloper an einigen Stellen "... eine schwer zu bändigenden Heiterkeit durch das ganze Haus ging ...", wie der große Kritiker und Antiwagnerianer, Eduard Hanslick, überliefert.

Robert Meyer als grandioser Überall in Nestroys
„Tannhäuser in 80 Minuten“, Foto: Burgtheater

 

Manch ein Premierenabonnent wird zuserst seinen Augen kaum getraut haben als diesen eine Opernparodie Johan Nestroys als Ein-Mann-Stück auf den hehren Brettern ihres Burgtheaters zugemutet wurden. Doch war die jubelnde Zustimmung am Ende der 80 Minuten im Publikum einhellig und berechtigt, denn Robert Meyer als Inhaber aller tragenden Rollen trug den Abend (Premiere am 10 Dezember 2005) in grandioser Manier, leistete schauspielerische Schwerstarbeit, als naiv-heldischer Tannhäuser ebenso wie  als hanswurstender Landgraf Purzl im Wiener Dialekt, als knödelnder Wolfram von Dreschenbach und natürlich auch als Venus, Elisabeth, gesamter Männerchor und Feenballett. Meyer zog sämtliche komödiantischen Register mit handwerklicher Bravour und einer schlafwandlerischen Sicherheit im Timing der Pointen. Witz als Kunst, selbst Klamottiges wurde nie zum Selbstzweck. Die karge Ausstattung, es gab nur einige marginale Requisiten vor geschlossenem Vorhang, konzentrierten umso mehr alles auf den Darsteller, der keine Gelgenheit für Langeweile bot.

 

Neben dem intelligenten Jux, dem Amuesement lehrte der Abend auch, nämlich wie gut und wie wichtig die sichtbare und hörbare freie Entfaltung des schauspielerischen Talentes für die Publikumswirkung ist, wieviel sich so manche aufgeblasene, zerfahrene Inszenierung der heutigen Zeit vergibt, wenn sie die Fähigkeiten der Darsteller durch die Einbindung in ein Regiekonzept mitunter fesselt und knebelt. Und so griff nicht nur Nestroys "Tannhäuserl" in die damalige Debatte um Stil und Anspruch der "Zukunftsmusik" Wagners ein, sondern dessen meisterliche Umsetzung am Burgtheater gibt uns  unterhaltsame Anregung über Sinn und Unsinn so mancher "Gegenwartsinszenierung", auch an diesem Hause, schmunzelnd neu nachzudenken.

M.S.

Weitere Vorstellungen am 20. und 22. Dezember 2005
sowie am 5. und 28. Januar 2006

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