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Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 DEZEMBER 2005 - JANUAR 2006 / KULTUR

 

Unser aller Adalbert Stifter

Abschließendes zum 2oo. Geburtstag des Jubilars
 

Kaum deutlicher als am Beispiel Stifter in diesem Jahr konnte sichtbar gemacht werden, dass wieder zusammenfindet, was einmal zusammengehörte. Bayern, Oberösterreich und Böhmen haben sich den österreichischen Nationaldichter gewissermaßen aufgeteilt. Ein Unionsprojekt, mehr jedoch ein Regionenprojekt, und damit auch dies eine schöne Parallele zur Umsetzung der europäischen Idee. Der Stifterweg, der alle drei Unionsländer verbindet, er beginnt in Wegscheid, in Bayern, und führt durch Österreich nach Horni Plana (Oberplan) dem Geburtsort in Tschechien, ist ein schönes Beispiel dafür.


 

Mit seinen 46 Kilometern lässt er sich durchaus erwandern. Die Flut an Symposien, Ausstellungen und Publikationen zum Dichter ist nun abgeebbt. Jetzt, am Ende des Jubeljahres zu Stifter, fällt es nicht leicht, noch eine weitere Publikation über den „Böhmerwalddichter“ vorzustellen. Zumal ich auch von Kollegenseite scheel angesehen wurde, als ich meinte, noch etwas zu Stifter schreiben zu wollen. Meine Entschuldigung dazu ist keine, vielmehr möchte ich das vorgeschlagene Buch Arnold Stadlers jenen nahelegen, die Stifter einmal mit wenig Genuss gelesen haben, weil zum Schulstoff gehörte, mindestens den „Nachsommer“ des Klassikers gelesen zu haben. Der Autor gibt seine Herangehensweise als „Liebeserklärung“ aus, und sie ist eine, wenn sie auch wenig schmeichelt.

Es ist ein subjektives Nähern und das Wort, das einem dabei immer wieder entgegenkommt, ist der „Hunger“. Seiner Meinung nach fehlte es Stifter an etwas, und dies Fehlende holte er sich durch eine unglaubliche Maßlosigkeit beim Essen und Trinken. Einiges spricht dafür, der Dichter wog 154 Kilo bei einer Größe von etwa 1,65. Er, der wie keiner sonst in der österreichischen Literatur das Maß und die Bescheidenheit predigte, lebte dem in gewisser Weise entgegen. Das ist es auch, was den Autor immer interessierte, das, was sich hinter den Beschreibungen heiler Welt in seinen Texten verbirgt. Der Erfinder des „sanften Gesetzes“ predigte dieses eventuell mehr, um die wilden Regungen, die unter der Oberfläche lauern, einzudämmen, als eine Weise zu beschreiben, wie der Mensch auf Erden glücklich werden könnte. So nämlich wurde und wird Stifter gerne missverstanden, als Utopist, der die Rückkehr zum Kleinen, und zur Natur vorführte. Stifter aber war ein unglücklicher Mensch, „der Nachsommer ist die Beschreibung seiner Vorstellung vom Glück“ und so der Autor, wurde das „Stifter’sche Fressen“ letztlich die Vorstufe zu seinem Selbstmord.

Die Annäherung Stadlers ist nicht einfach eine Biografie, sondern eine fast private Auseinandersetzung mit seinen Texten, aber an Hand von fünf Fotografien, in denen er seinen Stifter spiegelt, ist sie auch eine Hinführung zu seinem Tod. So etwas wie einen maßlosen Konsum, den wir heutzutage ja auch gut kennen, diagnostiziert er dem Dichter. Er meint dazu: „Hätte es damals nicht nur Mehlspeisen, Geselchtes und Faschiertes gegeben, sondern auch schon Fastfood und die Chips-Großtüte, dann wäre Stifter gewiß auch dabei gewesen“. Und wie heute dagegen Diäten und viel Bewegung empfohlen werden, hat Stifter der Hauptfigur im „Nachsommer“, dem Freiherrn von Risach, seinem Alter ego gewissermaßen, auch Lösungen einfallen lassen. Damals hießen sie „Leibesübungen“ und die Erziehung zu einer geregelten gegen die ungeregelte, also unmäßige Lebensführung.

Aber ob das gegen das Unglücklich sein, als dem Grund unserer Unmäßigkeit, helfen wird, wissen wir auch heute noch nicht zu beantworten. Deshalb wohl ist es so, dass Stifter nun allen gehört und dabei aber niemand etwas zu sagen hat.

Robert Steinle

Arnold Stadler:
Mein Stifter
Porträt eines Selbstmörders in spe
und fünf Photographien
2005, DuMont Verlag, Köln.
ISBN: 3-8321-7909-7

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 DEZEMBER 2005 - JANUAR 2006 / KULTUR

 

Das Caféhaus – eine Philosophie

Rundgang durch eine Wiener Institution


Noch vor wenigen Jahren zog durch die Hauptstadt ein pessimistisches Raunen, das der heimische Blätterwald verstärkte, und das den unaufhaltsamen Niedergang des traditionellen Cafès verkünden wollte. Tatsächlich eröffnete zu der Zeit gerade das erste Starbucks und der Einzug amerikanischer ‚Kultur‘ schien vielen der Anfang vom Ende. Aber rein gar nichts mehr ist heute in Wien noch davon zu hören. Waren es in früheren Jahrzehnten die Espressos, deren Konkurrenz gefürchtet wurde und später das enorme Ansteigen der Preise für Rohkaffee, zu allen Zeiten gab es Gründe, um das Traditionscafé zu fürchten, schlagend waren keine davon.

Heutzutage ist der Besucherandrang stärker denn je. Vielleicht liegt es ja daran, dass es nicht auf den ausgeschenkten Kaffee ankommt, sondern auf das Drumherum, am Ambiente haben immer auch bedeutende Künstler und Architekten mitgewirkt. „Nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft“, so hat Peter Altenberg es situiert, und, so wird zumindest kolportiert, gab er das Cafe Central sogar als seine Wohnadresse an. Im 18.Jhdt. wurden erstmals Zeitungen, damals noch geheftete handgeschriebene Blättchen, zur Gratislektüre aufgelegt.

In den Cafés ging zu (vor-) revolutionären Zeiten deshalb sogar eine aufklärerische Gefahr aus, weswegen Kaiser Franz I. die Exekutive anwies, die Wachsamkeit dort zu verdoppeln. Zeitungen sind bis heute das Wichtigste, und auch das Einzigartige am Kaffeehaus. In die bekannten Zeitungshalter geklemmt, ist die Auswahl an lokalen bis internationalen Druckwerken mitunter beträchtlich.

Wie sollen Besucher aber erkennen, dass es sich um ein echtes Wiener Kaffeehaus handelt? Nun, nicht nur daran, dass ein Glas Wasser mit serviert wird, sondern vor allem auch, dass der Kaffeelöffel auf dem Wasserglas mit dem ‚Gesicht‘ nach unten balanciert wird, steuert Christopher Wurmdobler, der Autor eines neuen Führers durch die Hauptstadtcafés den Lesern detailverliebt bei. Mit Fotos von Gerhard Wasserbauer ist dieses neu erschienene Buch eine bruchlose bestens gelungene Fortsetzung der Reihe ‚Kultur für Genießer‘ des Wiener Falter Verlags, seien es nun die Führungen durch die Beisl’n und Wiener Gaststätten, in die Museen, zu den Friedhöfen oder zu den Lieblingsorten der Wiener.

Es ist ein echtes Kaffeehaus-Nachschlagewerk, in dem der Wien-Besucher oder Wien-Neuling bestimmt findet, was er sucht. Mich persönlich hat diese Reihe die Stadt überhaupt erst adäquat entdecken lassen. Nobel ist, neben zahlreichen Abbildungen, der jeweiligen Historie des Lokals und einer Besucheranalyse das Register am Schluss des Buches, das nicht nur alphabetisch die Kaffeehäuser aufreiht, sondern auch ein Bezirksregister besitzt. Eine wahrhaftig grandiose Innovation. Hätte ich es schon früher in die Hände bekommen, wäre es nie dazu gekommen, dass ich eineinhalb Jahre lang als Fast-Nachbar das bedeutendste Cafés meines Wohnbezirks übersehen konnte.

Das Café Weidinger (unsere Abb.) am Lerchenfeldergürtel ist eine echte Rarität, ein Lokal, das sich dem Zeitgeist stoisch entgegenstellt. Zudem gibt es dort den günstigsten kleinen Braunen (1,40 EUR) von ganz Wien. Womit der Film, den die Besucher dort live geboten bekommen, um einiges erschwinglicher ist als der im neu errichteten Kinocenter des Baumeister Lugner gleich gegenüber.

rst.

Christopher Wurmdobler
Kaffeehäuser in Wien
Mit Fotos v. G. Wasserbauer
Falter Verlag, Wien, 2005
ISBN: 3-85439-332-6

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