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Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 FEBRUAR 2006 / KULTUR

 

Die kleine Rache des großen Genies

Die kleinen Tücken des großen Wolfgang - Mit Mozart auf Reisen in Wien - Nachlese zum 250. Geburtstag „Ein Fest für Mozart“ - Idomeneo macht krank
 

Peter Marboe (rechts), Intendant des Wiener Mozartjahres,
eröffnet mit Sponsoren und Unterstützern die Aktion: calling Mozart

Eigentlich könnte man das Mozartjahr nun getrost vorzeitig beenden. Der Geburtstag ist vorbei, alles war schön, ganz Wien summte, die Medien haben sich verausgabt, alle Filme sind gesendet, Schädel und Haare analysiert, wir wissen nun was Mozart gerne aß und viele Dinge mehr, die wir gar nicht wissen müssten. Ab jetzt fängt es langsam an, zu nerven. Sogenannte Experten belästigen uns auf allen Kanälen, dabei ist die Frau Hamann, ein historisierendes Strickliesel sehr mittleren Talents noch das Erfrischendste angesichts der vertrockneten Knochen, die seit Wochen in den ORF-Studios lungern. Sie können jetzt an 50 Schauplätzen an denen sich in Wien Mozart einst tummelte rot-gelbe Plastiksäulen sehen, stolpern sie nicht drüber. Wenn sie die darauf befindliche Nummer wählen, säuselt ihnen ein Fremdenführer etwas historisches ins Ohr. Eine gute Idee für die Touristen. Die Säulen sind sehr geschmacklos, ja häßlich, sehen aus wie der Hinweis auf einen Gebrauchtwagenmarkt. Ich habe übrigens versucht Mozart zu erreichen, er läßt sich entschuldigen, ist dieses Jahr nicht zu sprechen, für niemanden.

 

Die bleibenden Errungenschaften dieses Jahres, das Figaro-Haus - nun auch multimedial - und das Theater an der Wien, sind ohnehin eröffnet, letzteres sogar mit der Erkenntnis, daß Mozart nicht nur heilen, sondern auch krank machen kann. Denn sowohl Dirigent Ozawa als auch Regisseur Decker meldeten sich kurz vor der Premiere des „Idomeneo“ krank. Interessanterweise tat das weder der musikalischen noch szenischen Qualität einen Abbruch. Darüber kann man einmal nachdenken. Letztere vermied detailreiche Risiken zugunsten großer Gesten. Und wer die Aussage verweigert, kann schließlich auch nicht lügen. Dann haben wir den Beweis bekommen, das Neil Shicoff kein Mozarttenor ist. Das ahnten wir zwar schon vorher, aber Direktor Holender, ein stadtbekannter Philantrop, wollte uns die Probe aufs Example nicht ersparen, sein Beitrag zum Mozartjahr. Hölzerne Koloraturen und ein rauhes, ohrenfeindliches Timbre eines Staatsopernstars, der als Hoffmann und überhaupt in den französischen romantischen Partien glänzendste Erfolge feiert. Holender ist aber im Zweifel der Name wichtig, denn er kennt sein Publikum. Die wollen schließlich für das viele Geld nicht berichten müssen: habe einen traumhaften Idomeneo erlebt, wie hieß er doch noch gleich... sondern: achso, und am Freitag sahen wir den Shicoff, grandios wie immer, meine Liebe...

 

Mehr als 47.000 Menschen nahmen rund um Wolfgangs Geburtstag an dem „Fest für Mozart“ direkt teil, in dem sie sich auf eine der 5 „Reisen“ begaben, je vier Veranstaltungen an einem Tag zu erschwinglichen Preisen und einem besonderen Thema, den Wolfgang betreffend. (über Reise 1 berichteten wir in unserer vorigen Ausgabe) Das hatte den positiven Effekt, daß viele Menschen ziemlich viel von Mozart hören und noch mehr neues über ihn erfahren konnten, allerdings mit einigen Nebenwirkungen, den kleinen Tücken des großen Wolfgang, von denen ich hier kurz berichten will. Ich begab mich auf die Reise 4, die den fachlichsten Eindruck machte und mir vor allem ersparte, Fritz Muliar die Bäsle-Brief lesen zu hören oder Harald Serafin, wie er sich an Da Pontes Figaro-Libretto verging. Wirklich keine angenehme Vorstellung.

 

Reise 4. Teil 1. 10.00 Uhr. Musiverein. Brahmssaal. Das Concilium musicum unter Paul Angerer versuchte dem hochinteressierten Publikum Mozart im Originalklang vorzuführen. Sehr gewagt, da die meisten Zeugen schon verstorben sind, wie wir wissen. Die Kapelle muszierte fesch drauf los, wobei man teilweise sogar noch die Originalsaiten aus dem 18. Jahrhundert auf den alten Instrumenten zu haben schien, was schlimmes Kratzen und Fiepen auslöste. Dann spielte Mozart-Experte Angerer, ein reifer Herr in sehr concilianter Pose, auf dem Klavier, einem Nachbau, daß sehr leise und eierschneidrisch klang. Das sollte also der Originalklang sein. Ich besitze eine Aufnahme Mozartsonaten auf Wolfgangs Reiseklavier gemacht, das klingt dagegen wie ein Bösendorfer. Es hatte allerdings eines für sich, daß man das Pianopiano kaum gewahrte, Herr Angerer griff nämlich konsequentest neben die Tasten, deren Anschlag in den Noten jeweils vorgesehen war. Nicht weiter schlimm, es war ja noch früh am morgen und alle aufgeräumter Stimmung. Immerhin konnte das Publikum u.a. das berüchtigte  Adagio mit Fuge d-moll bestaunen, ein Werk, daß Mozart zum Wegbereiter der Moderne macht. Sicher für einige ein echtes Aha- oder gar Oho-Erlebnis.

 

Reise 4. Teil 2. 12.00 Uhr. Burgtheater. Michael Köhlmeier erzählt. Daß heißt er sollte erst erzählen, aber er hat zufällig gerade seine Mozart-Novelle, ein Auftragswerk, fertig gestellt und liest daher mehr als er erzählt. Michael Köhlmeier, so stellt man uns den Pointenhäscher vor, hat 75 Bücher geschrieben. Dabei ist er noch gar nicht so alt. 75 Bücher - das macht schon mißtrauisch: nur Karl May und Konsalik haben mehr geschrieben. Nun. Köhlmeier scherzt, daß er das Angebot eine Mozart-Novelle zu schreiben, bezahlt zu bekommen und im Burgtheater vortragen zu dürfen, nicht ablehnen konnte. Uns fragte natürlich wieder keiner. „Mozarts Spielverderber“ heißt das Stück, eine Stunde lang, aber nach 15 Minuten schon fertig, handelt von der These, daß Mozart nur deshalb als Genie gefeiert wird, weil wir Menschen ihn dazu erklären um unsere Nichtigkeit ein bisschen überstrahlen zu lassen. Es gibt den Beginn einer bibliothekalen Verwechlsungskomödie, sogar etwas Selbstironie, jedoch ohne ein Ende und ohne Konsequenzen, denn wäre Haltung und Handlung dieses talentierten Autoren identisch, dann hätte er sich und uns den Rest dieser haarsträubenden Auftragswerkelei und damit sich eine Blamage und uns etwas Lebenszeit erspart. Es war nämlich offenbar, daß ihm kein Ende eingefallen war, weshalb er den Kunstgriff des Open End wählte und alles ein bisschen in Mystik tauchte. Das genügte wohl für den Scheck und uns, das Zufallspublikum.

 

Reise 4. Teil 3. 14.30 Uhr. Wieder Musikverein. „Mozart als Kammermusiker“. Der Höhepunkt des Tages. Es spielte das hervorragende Hugo Wolf-Quartett ein virtuelles Quartett, zusammengeschraubt aus je einem Satz der früher tatsächlich zusammenspielenden Musiker-Komponisten Mozart, Dittersdorf, Haydn und Vanhal. Dazwischen einige Erläuterungen zu den Kollegen. Publikum war begeistert, Ärger fast vergessen.

 

Reise 5. Teil 4. 16.30 Uhr. Karlskirche „Das letzte Lebewohl“ Oder sagen wir lieber: das Requiem im Eisschrank. Ich weiß nicht, was im 21. Jahrhundert so schwierig ist, eine Kirche wenigstens auf den Gefrierpunkt zu heizen. Nun, wir taten bitterkalte Buße und hörten Mozarts Requiem im barockerschlagenen Ambiente dieses Gotteshauses. Der Chor war dünn, das Orchester noch viel zu jung für solche Großtat, und der Dirigent aber offenbar derart überheblich das nicht zu erkennen. Außerdem hatte er überhaupt keinen erkennbaren Plan hinsichtlich Tempi und Akzentuierungen. Was wir da hörten war nicht Mozarts Requiem sondern die Vorstellung davon. Ein trauriger Abschluß aber doch für die Zuhörer vielleicht wertvollste Erkenntnis, daß ein geschmierter Mozart eben kein Mozart ist. Ein Meister verlangt meisterliche Behandlung, da kann man nicht mal eben drüberklimpern und herumpfuschen und irgendein paar Sätze zusammenschreiben. Denn Mozart enblößt das Mittelmaß auf grausamste Weise, weil er es hör- und sichtbar macht. Die kleine Rache des großen Genies. Und daher ist das Mozartjahr vorzeitig zu beenden, schon aus Rücksicht auf uns selbst.

M. S.

Weitere Kommentare - Kritiken und Antithesen zum Mozartjahr >>> HIER

 

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