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Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 FEBRUAR 2006 / POLITIK

 

EU-Präsidentschaft

Ein Land läßt grüßen

Österreich in Europa findet sich selbst

Von Peter Stiegnitz
 

Helmut Qualtinger, der legendäre „Herr Karl“, kannte seine alpenrepublikanischen Landsleute wie kaum ein anderer. So ist es kein Zufall, dass der Wiener Historiker Oliver Rathkolb sein Buch „Die paradoxe Republik – Österreich 1945 bis 2005“ (Zsolnay) mit einem Qualtinger Zitat beginnt: „Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt.“ Qualtinger meint natürlich die geborenen und gelernten Österreicher zwischen Neusiedler- und Bodensee.

In der ersten Hälfte dieses Jahres führt bekannterweise Österreich die EU-Ratspräsidentschaft. Europäische Staatsmänner, EU-Kommissare, EU-Beamte und tausende Journalisten werden in diesen Monaten das kleine Nichts groß aufblasen und als „Meilenstein am Weg“ – man weiß nicht genau, wohin – feiern. Ein wenig Reparatur an der gescheiterten EU-Verfassung, weitere Budgetkrämpfe und die ersten Gespräche mit der gefürchteten Türkei und den gern-begrüßten Kroaten müssen dann medial möglichst gut verkauft werden.

Das alles nach dem 2005-Gedenkjahr Österreichs. Genau auf dieses Jahr fixiert auch Rathkolb sein Buch und hofft, mit dem abgelaufenen Gedankenjahr und seinem angelaufenen Buch auf „das kollektive Gedächtnis … der Österreicher“ Einfluss nehmen zu können.

 

Ungarn: ja, Slawen: nein

Oft berichtet, doch stets wiederholbar: Von allen nahen und fernen Fremden schätzen die Österreicher die Ungarn am meisten. Außer der Csárdás-, Huszár- und Operettenmentalität haben sich die Ungarn in Österreich am schnellsten integriert und sogar assimiliert. Außerdem sind die Ungarn keine Slawen, die man in Österreich nicht sonderlich schätzt.

Oliver Rathkolb erinnert uns an einen Ausspruch des einstigen Außenministers Lujo Toncic-Sorinj, der die „Österreicher als slawische Mischung mit zufälliger deutscher Dominanz bezeichnet“. Trotz dieser historischen Wahrheit sind die Österreicher „gegenüber slawischen Nachbarn extrem negativ eingestellt.“

Historische Reminiszenzen – Nationalitätenprobleme mit den Slawen nach dem Ausgleich mit Ungarn (1867) und eine aggressive Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg – wie gegenwärtige Ängste vor einer „Bedrohung aus dem Osten“ erhöhen die Slawenablehnung vieler Österreicher.

 

Sozialpartnerschaft heißt Sicherheit

Auch die vollends unberechtigte Angst vor der „östlichen Konkurrenz“ zeigt das übergroße Bedürfnis der Österreicher nach sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit. Genau diese „Sicherheit“ signalisierte jahrzehntelang die berühmte österreichische Sozialpartnerschaft. Diese hervorragend funktionierende Zusammenarbeit der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände wurde als „Modell Österreich“ weltbekannt.

Zwei heilige Kühe kennen die Österreicher; die Neutralität und die Sozialpartnerschaft. Dass beide heutzutage kaum mehr existent sind, dass wollen die meisten Menschen hierzulande nicht wahrhaben. Auch deshalb ist jetzt, zur rechten Zeit, der Sammelband „Sozialpartnerschaft“ (Lit-Verlag), herausgegeben von Ferdinand Karlhofer und Emmerich Tálos, erschienen.

Im Geiste des Wiederaufbaues nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Sozialpartner zunächst die Lohn- und Preisabkommen beschlossen und anschließend ihre Zusammenarbeit in der „Paritätischen Kommission für Preis- und Lohnfragen“ stabilisiert. Mit den Vorschlägen dieser Kommission an die österreichische Regierung wurden die Grundlagen der Vollbeschäftigung und des international beneideten sozialen Friedens geschaffen.

Das geschichtlich wie gegenwärtig lebendige Österreich lässt in den sechs Monaten der Ratspräsidentschaft Europa „grüßen“ und stellt den 25 EU-Mitgliedern ein wohldurchdachtes und entsprechend erprobtes Rezept des friedlichen Nebeneinanders zur gefälligen Verfügung.

 

 

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