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FEBRUAR 2006 / KULTUR
Zensur und Sporadik
Kleine Geschichte der ungarischen Dramatik auf Wiener Bühnen
Die Geschichte ungarischer Dramatik auf Wiener Bühnen ist, von einer kurzen
erfolgreichen Aufwallung abgesehen, eine ruhige, ja fast totenstille. Das ist nicht sehr verwunderlich, denn auch die Beziehung des Wieners zum Budapester im
allgemeinen war und ist mehr von friedlichem Gleichmut, ja von freundschaftlicher Interessenlosigkeit, geprägt als von kulturell belebender Reibungswärme.
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Während die Ungarn, nachdem sie hier keine politischen Anliegen mehr haben, in
Wien eine erstrebenswerte und zudem schnell erreichbare Shoppingmeile sehen, mit deren Produkten sich zu Hause Staat machen läßt, beschränkte und beschränkt sich
das Interesse der Wiener am Nachbarn stets überwiegend auf die Gebiete des Fleischlichen und der pannonischen Exotik wie der Wirtshauskulinarik oder der
Operette und vielleicht noch auf solche ethnologischen Clownerien wie Zigeunerkapellen, deren emphatische Zuordnung zum Ungarischen ein bei dem so
auf Reinrassigkeit bemühten ungarischen Nationalismus ein bis heute unerklärliches Paradoxon darstellt. Man genießt - kulturgeographisch betrachtet - also lieber die
kleinen Unterschiede, als sich über die vielen Gemeinsamkeiten produktiv zu ärgern.
Vor dem Vergügen kam die Arbeit. Die Arbeit der Zensur
Die herausragenden Nationaldichter, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die
ungarischen Bühnen beherrschten, Szigligeti, Kisfaludy und Madách, konnten im Burgtheater - von Joseph II. schliesslich als deutsches Nationalthetater deklariert -
nicht zu anhaltenden Erfolgen gelangen, da ihre Stoffe, wie Siegfried Loewy 1930 in einem Beitrag für diese Zeitung feststellte: „ ... auf die Mentalität der ungarischen
Nation eingestellt waren, national-historische Stoffe behandelten und daher gar nicht prädentierten ...“. Doch selbst, wenn die nationalen Stoffe bei den Wienern
reüssiert hätten, vor dem Vergnügen kam in Wien immer erst die Arbeit. Die Arbeit der Zensur. Die war so gründlich, daß man in Wien heute noch den Kisfaludy für einen Schneider nebst dem Graben hält.
Man sagt, Königin Elisabeth habe Burg-Direktor Dingelstedt auf die Werke Szigligetis
hingewiesen, die sie beim Ungarischunterricht ihres Lehrers Max Falk kennenlernte. Dingelstedt versicherte sich aber dennoch bei MórJókai darüber, ob ein, und wenn ja
welches Werk geeignet schiene. Der empfahl ihm - wie aus einem Brief hervorgeht - „Gritti“, nicht nur weil es: „das gerundetste und effektvollste Stück des Dichters sei,
sondern, was die Hauptsache ist: es läßt sich spielen...“ Es ließ sich aber nicht spielen, denn der Hoftheaterzensorist Baron Hofmann befand, daß es den „sittlichen
Traditionen des Burgtheaters widersprechende Inhalte“ vertrete. „Die Königin verrät einem Priester das Geheimnis ihrer Schuld und klagt sich offen als Ehebrecherin an“,
steht im Zensurprotokoll zu lesen. Nur komisch, daß die Königin gar nichts gegen diese Bloßstellung gehabt zu haben scheint.
Mehr abgelehnt als aufgeführt
Allein Dóczis fabelhaftes Lustspiel „Der Kuß“ erschien allein ab 1877 über 70mal am
Wiener Burgtheater in Starbesetzung. Der Erfolg bescherte dem Autoren sogar einen Libretto-Auftrag bei Johann Strauß („Ritter Pázmán“, zurecht vergessen...). Die
erfolgreichsten ungarischen Stücke vor 1900 auf einer Wiener Bühne waren neben dem erwähnten „Kuß“, Csepreghys effektvoller Historienschinken „Der Kurier des
Zaren“ sowie Nestroys „Umsonst“ am Carl-Theater. Ja, ein ungarisches Stück von Nestroy, nämlich die Nachformung von Szigligetis „Liliomfi“. Ernö Szép stellte in
einer Studie für das Collegium Hungaricum Ende der Zwanziger Jahre fest, daß in Wien „bis 1900 insgesamt bloß fünfundzwanzig Stücke von sechzehn ungarischen
Dichtern aufgeführt wurden“. Aber allein das Wiener Burgtheater habe, so fährt er buchhalterisch genau und ziemlich beleidigt fort: zwischen 1850 und 1900 mehr als 30 ungarische Bühnenstücke abgelehnt!
Erst als die sozialen allmählich die nationalen Bewegungen ablösten und sich dies auch
im Theater niederschlug, indem die Dramatiker den Menschen als psychologisches Wesen auf die Bühne stellten und nicht zuerst die Fahne, unter der er geboren
wurde, da kam die große Zeit der Ungarn auf Wiener Brettern: Ludwig Dóczi, Franz Herczeg, Franz Molnár, Melchior Lengyel, Ludwig Biró, Ladislaus Fodor. Besonders
rauschend sind die Erfolge Herczegs und Molnárs auf Wiener Bühnen, auch, weil in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die richtigen Mittler an den
Schalthebeln saßen. Theateragenten ungarischer Herkunft, die den Spielbetrieb vor allem der B-Bühnen fest in ihrem Griff hatten. Rekordhalter ist bis heute übrigens
Fodors „Arm wie eine Kirchenmaus“, allein in der Saison 1928/29 über einhundertmal am Burgtheater aufgeführt.
Fehlt der Wille oder die Kraft?
Diese Zeiten sind jedoch lange vorbei. Von Gastspielen und politisch motivierten
Förderungen in der Ära des kalten Krieges abgesehen, herrscht, was ungarische Dramatik auf Wiener Bühnen betrifft, Sporadik und ansonsten betretenes
Schweigen. Einige Aktivitäten einzelner Theater-Gruppen, am Rande der subventionellen Wahrnehmungsgrenze, zeigen nur umso deutlicher die
Unterlassungen in der gezielten Förderung. So konnte man Tolnai kürzlich im „Cirkus Renz“, einem umgewidmeten Cabaret-Ettablissiment erleben und György Spíró, der
als der führende zeitgenössische Dramatiker Ungarns gilt, brachte es über eine Lesung nicht hinaus. Was in der ungarischen Literatur - wenn auch ein bisschen
protektionistisch - ganz gut funktioniert, funktioniert nicht in der Dramatik. Die Exporttätigkeit in den deutschsprachigen Raum. Es gibt wohl wenig Geld für
Übersetzungen, kaum Organisiertheit, kein längerfristig greifendes Konzept, also offenbar auch wenig Interesse in der ungarischen Kulturpolitik. Es fehlt der Wille. Ist
die Kulturpolitik Ungarns also wie die Gesellschaft, über das Repräsentativ-Folkloristische hinaus, insulanisch veranlagt?
Daß wiederum auch vom Collegium Hungaricum - also vom ungarischen Staat -
unterstützte Theaterfestival des Theater Brett, daß die ungarischen Gruppen zusammen mit den anderen Ost-Nachbarn präsentieren wird, zeigt audiovisuell
betonte Stücke sowie allgemein Komödiantisches, daß man oft nicht erst großartig übersetzen muß. Vielleicht hilft dieser kleine Ausschnitt doch wenigstens in
„gewissen Kreisen“, hier wie dort, das Interesse am Theater des jeweiligen Nachbarn zu wecken, und solcherart Aktivitäten nicht nur als seltene kulturelle
Ausläufer der Erweiterungswelle verebben zu sehen.
M.S.
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