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FEBRUAR 2006 / KOMMENTAR
Wiener Leut´
Wir sind ein Salzfass
Wie die Familie Salieri und andere Italiener Mozart die Geburtstagshow stehlen wollten
Was denken die Wiener über die Klimt-Sache? Ich glaube, der eine oder andere
ist gerade ein wenig überfordert ob der großen Auswahl von Identitäten im Sonderangebot. Wir sind Präsident, wir sind Mozart. Wir sind Klimt. Seipel ist
Gehrer und umgekehrt. Wir sind ein Salzfass, also sind wir auch Cellini? Apropos, die Italiener. Wir sind nämlich auch Südtirol. Während sich gerade
ganz Wien über die erfolgreiche Jagd auf den Dieb der Saliera freute, so als ob wieder jemand aus dem Hause Salieri dem Mozart die Show stehlen wollte,
spielte sich eine Ecke weiter eine Szene ab, von der ich erst dachte, Schlingensief sei noch in der Stadt, die aber aufgrund ihrer Ernsthaftigkeit die
Frage nach Identiäten in ein sehr diffuses Licht hüllt.
Auf den Treppen des österreichischen Parlamentes, dem Nationalrat,
marschierte eine buntbebommelte Schützenvereinsabordnung aus Südtirol auf, salutierte vor Nationalratspräsident Andreas Khol, gab eine Begrüßungssalve ab,
ließ sich vom Hausherren mit Schnaps bewirten und lümmelte dann bei einer Führung, die Gewehre über die Abgeordnetentische gelegt, im Plenarsaal
herum. Grund für den Aufmarsch der Truppe war die Überreichung einer Petition, die Österreich im Namen von 1400 Ortsvorstehern Norditaliens
auffordert, naja, bittet, den Schutz der Deutschsprachigen in Südtirol in die Verfassung aufzunehmen. Daran sieht man einmal wie stabil unser europäisches
Haus doch zu sein scheint. Abgesehen von dem Umstand, daß die italienischen Neofaschisten wegen dieser genialen Unterschriftenaktion bei den nächsten
Wahlen mit zweistelligen Zuwachsraten in der Region, nämlich bei der verschreckten romanischen Bevölkerungsschicht - rechnen können, stelle ich
mir gerade eine ähnliche Szene, zum Beispiel am Berliner Reichstag, vor. Eine bewaffnete Horde gebrochen deutsch sprechender Freischärler aus dem
Sudetenland ballert in Berlin-Mitte mit Jagdgewehren umher, läßt sich vom Bundestagspräsidenten freundlich „auf ne Molle und nen Korn“ empfangen, und
erfleht die Protektion des „Reiches“ gegen die slawischen Machthaber. - Kriege begannen früher schon aus nichtigeren Gründen.
Wir sind Freud. Und den nimmt uns keiner! Den nicht!
Nun, die Tiroler Schützen sind wieder weg, das Salzfass ist wieder da, bei den
Klimt-Bildern weiß man es noch nicht so genau. Mit den Klimt-Werken ist es wie mit der europäischen Verfassung. Man hätte sie schon sehr gerne, will aber
keinesfalls zuviel dafür zahlen. Es muß schwer sein, wenn man seine Identität über Dinge definieren will - oder meint zu müssen - deren Besitz sich nur
schwer beweisen läßt. Naja, bei Mozart wollen wir großzügig sein, dem kann ja keiner, den kann man nichtmal abhängen, der ist einfach zu ätherisch für
nationale Fesselspiele. Immerhin, das zeigte doch das große Geburtstagsfest für den berühmten Gastarbeiter aus Salzburg, kann man sich bei ihm immer ganz
einfach vergewissern, warum man ihn feiert und er so viel wert ist. Man braucht nur seine Kunst betrachten, ihn also hören. Versuchen Sie das mal mit
Klimt-Bildern. Aber bevor wir ein anderes, nur wirklich identitätsstiftendes, weil die größtmögliche Übereinstimmung zweier unterscheidbarer Größen
aufweisendes, Jubiläum übersehen: Wir sind dieses Jahr auch Freud. Und das ist mal sicher. Den nimmt uns keiner. Den nicht!
M.S.
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