|
FEBRUAR 2006 / KOMMENTAR
Wiener Skizzen *
Einklang, Ausklang, Überklang
Von Peter Stiegnitz
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat es leicht. Wie einst seine (partei-)
politischen Vorgänger, Figl und Raab, will auch er das Ausland mit seiner Musik verzaubern. Der passionierte Cellospieler vermeidet dabei, im Gegensatz zu
seinen Ministern, jedweden Missklang. Daher der Kommentar des passionierten Politikers und Musikers zum EU-Ratsvorsitz: „Wir wollen unsere Akzente und
unseren Klang in das europäische Konzert einbringen.“ Dieser (Ein-)Klang wird dem gevievten Taktiker und Stehaufkünstler sicherlich bis zum Ende seiner
Präsidentschaft im heurigen Sommer und – vielleicht – seiner Regierungszeit im Herbst sicherlich sehr gut gelingen.
Im Gegensatz zu diesem Ein- und Ausklang misslang ein pseudokünstlerischer
Überklang, die mit direkten und indirekten Steuergeldern sündteuer finanzierte Plakataktion („25 Peaces). Dabei zeigt ein, den EU-Vorsitz begleitendes Plakat
entkleidete, kopulierende Gestalten des spanischen „Künstlers“ Carlos Aires. Die beiden Verantwortlichen der Porno-Plakate, Wolfgang Lorenz und Georg
Springer, mussten nach privaten und politischen Protesten die „Rolling Boards“ aus dem Verkehr (gemeint: dem öffentlichen) ziehen.
Polizei und Jugendkriminalität
Während der sechs Monate des österreichischen EU-Ratsvorsitzes steht auch
die Exekutive, vor allem die Polizei, „Gewehr bei Fuß“, um für die Sicherheit der ausländischen Politiker, aber auch der Journalisten zu sorgen.
Daher: Schwere Zeiten auch für die einheimischen und ausländischen
Jugendkriminellen, die seit einiger Zeit ihre unheilvolle „Tätigkeit“ auf die Wiener City konzentriert haben.
Der Wiener Polizei gelang es, eine minutiös genau aufgelistete
Computeranalyse der häufigsten Jugenddelikte zu erstellen. An der Spitze der in die Tat umgesetzten kriminellen Energie junger Verbrecher stehen, wie
erwartet, Drogen, gefolgt von Sachbeschädigung, Diebstahl und Einbruch. Am anderen Ende dieser Liste rangieren gewerbsmäßiger Diebstahl, Raufhandel und Raubmord.
Das angsterregende Endergebnis dieser Polizeianalyse hat „Die Presse“
eindrucksvoll zusammengefasst: „Soziales Elend treibt Ost-Kinder nach Wien – Von Eltern verkaufte Roma-Kinder stehlen nach Quote. Wird das Soll nicht
erreicht, wartet der Baby-Strich.“ – Einfach grauenvoll.
Angst vor Profit?
Die Wiener ängstigen sich gerne. Immer noch vor der bald zweijährigen
EU-Erweiterung. Sie erkennen dabei nicht, dass Österreich, vor allem Wien und Umgebung, am stärksten von dieser EU-Vergrößerung profitiert hat. Obwohl
Österreich ohne Zweifel zu den Nettozahlern gehört, profitiert vor allem die heimische Wirtschaft von den Förderungsgeldern an die „Neuen“, da hier
unzählige Infrastruktur-Einrichtungen, als Aufträge für österreichische Firmen, neu entstehen. Aber auch die heimischen Banken und Versicherungsgesellschaften machen in den neuen EU-Ländern hervorragende
Geschäfte. Ab 2007 werden so viele Regionalhilfen in diese Staaten fließen, wie ausländisches, auch österreichisches Kapital hier investiert wurde.
Die alpenrepublikanische Finanzpolitik steuert seit 2003 in diese Richtung und
unterstützt die notwendigen und auch für Österreich lukrativen Investitionen in den damaligen „Kandidatenländern“.
Daher die schlichte Frage: Hat man in Österreich Angst vor dem Profit?
* Die „Wiener Skizzen“ erschienen im PESTER LLOYD seit
1867 und nutzten ihren leichten Plauderton für allerlei zensierliche Gedanken in einer eher konservativen Zeitung. Autoren waren unter anderem Ludwig Hevesi, Max Nordau
und Felix Salten, Ungarn, die ihr Lebensweg irgendwann nach, über oder durch Wien führte. Auch der Autor unserer neuen „Skizzen“, Peter Stiegnitz, geboren in Budapest
1936, lebt seit 1956 in Wien und gehört somit zu diesem illustren Kreis von „Grenzgängern“. Er war unter anderem Leiter der Pressestellen verschiedener Ministerien, ist
Soziologieprofessor und Autor zahlreicher Bücher.
zur Übersicht
|