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MÄRZ 2006 / KULTUR
Was soll ich hier?
oder
Das Selbstmitleid des Stipendiaten
Goethes Torquato Tasso bleibt am Wiener Burgtheater auf Distanz und damit unter seinen Möglichkeiten
Die hochpoetischen, selbstverliebten und zuweilen mitleidigen Reflexionen Goethes
aus früher Weimarer Zeit, seine daraus folgende Italienreise, die eher eine Flucht zu sich selbst war, hineingepflanzt in die Lebenswelt eines Renaissancedichters am Hofe
von Ferrara mit scheinbar ähnlichem Geschick. Das ist der Stoff des "Torquato Tasso", einer Art weitergeführtem Werther, der die Mähr vom Musenliebling in
erdenfernen Sphären verbreiten half, jenes Bild vom Künstler, der die Wirklichkeit durchschaut aber unmöglich, will er sie beschreiben, einen Platz in ihr einnehmen
kann, ja darauf achten muss, daß die Wirklichkeit des Lebens ihn nicht beherrscht und ihn seines Talentes beraubt.
Das daraus entwickelte klassische Schauspiel, eigentlich ein Kammerstück mit wenig
Handlung und viel Philosophie, beschäftigt sich aber nicht nur mit den offensichtlichen Fragen der künstlerischen Freiheit, dem Mäzenatentum und dem
sich aus diesem Umfeld ergebenden Zwang zum Kompromiss. Sondern er stellt, durch die den Tasso kränkende Figur des Antonio, dem Handlanger des Herrschers,
der sich von Tasso ergötzen läßt, dem kalten Technokraten, auch die Frage nach dem Wert der Kunst, dem Preis des Künstlers und daher letztlich die nach Kunst und
Charakter. Wir wissen, daß Goethe in späteren Jahren selbst auch ein Antonio wurde, sehr wohl die sehr irdischen Instrumente Macht und Reichtum, Pragmatik
und Intrigantentum zu nutzen wusste, er also den im Tasso als unüberwindabr dargestellten Widerspruch von Macht und Kunst spielend überwand. Ein Wissen, daß
seinen Tasso in meinen Augen nachträglich auch zu einer Karikatur macht und nicht wenig an Goethes Standbild krazt.
Der Regisseur, Stephan Kimmig, beließ es weitgehend bei einem Kammerspiel,
vertraute den Schauspielern den Text an und scheinbar auch die Aufgabe den großen Raum (Bühne: Katja Haß) zu füllen. Es wurde auf unspektakuläre Weise der Versuch
unternommen, die einem klassischen Text innewohnende Distanz durch einen halbwegs zeitgemäßen Sprachduktus heraus zu überwinden. Das gelang nur insoweit,
als das die Inszenierung diese eben verringerte Distanz wieder herstellte. Tasso war dann zwar kein ferner Dichterjüngling mehr, sondern erschien uns wie ein
halbgewalkter Stipendiat des Goethe-Instituts, der zu früh im Leben einen Literaturpreis gewonnen hat. Wenn das gewollt gewesen wäre, dann hätten wir uns
sicher darüber gefreut, daraus einmal zu entwickeln, wie es mit unseren Tassos heute so bestellt ist.
Fragen nach staatlicher Förderung als subtilster Form der Zensur. Wie der
Literaturmarkt durch Überschwemmung das Talent zum Schweigen bringt. "So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern
sollte..." (Schlußsatz des Tasso) Alles Fragen, die der Text behandelt, und die auch der Regisseur andeutet, doch leider nur im Programmheft.
Es sollte sich alsbald herausstellen, daß die Mitdenkaufforderung eines Regisseurs,
der das Publikum offenbar für genauso ambitioniert und agil hält wie sich selbst, kein geringes Risiko barg. Denn fordert man zwar von dort wie auch von hier immer
wieder die Rückkehr zu den Stücken, das Schauspieler- nicht das Regietheater, doch ein Elend ist´s wie wenig die Betrachter daran mittun wollen, wenn ihre Forderung
erfüllt wird. Hier wäre einmal mehr Fingerzeig notwendig gewesen, allein schon um die "Freunde des Burgtheaters" ein wenig zu sticheln, deren mitgehörte Kommentare
nur schwer noch zu dem zu zählen sind, was man gemeinhin als "konservativ" zu tolerieren bereit ist. Da sitzen sie doch, die Sponsoren, die heutigen Herzöge von
Ferrara und die Antonios, die Kunst meist (nicht immer!) nur sponsern, wenn sie zu einem "Image" passt, oder wenn sie "ziert".
Staatssekretär Antonio, gespielt von Michael Wittenborn, hatte vor den anderen
den großen Vorzug, daß er nicht nur eine exzellente Sprachbeherrschung und hohe Virtuosität in der Gestaltung aufbot, sondern er war auch der einzige, der wirklich
interagierte. Er spielte mit den anderen. Tasso hingegen (Philipp Hochmair) sprach nicht nur der Rolle gemäß mehr mit sich selbst, er hörte auch zu sehr in sich selbst,
war mehr als hilfreich abwesend, dies aber auf hohem Niveau. Seine Frage nach dem "Was soll ich hier" bekam so eine gewisse Komik. Die Rolle der Leonore Sanvitale wurde von Myriam Schröder
wiederum mit dem zu erwartenden, weil ihr eigenem Eros dargeboten, wobei man sagen muss, daß sich das Besondere in ihrem
Spiel von Stück zu Stück zu zwei Handvoll Stereotypen reduziert, die sie allerdings gekonnt und präsentabel variiert. Herzog Alfonso (Joachim Meyerhoff) war die
Blässe des sich in seiner Haut unwohlfühlenden Imitators merklich ins Spiel geschrieben. Seine Schwester Leonore (Caroline Peters) konnte die Verwandschaft
mit ihm nicht ganz verbergen, erfüllte aber doch immerhin die Mindestanforderungen an ihre Rolle gut. Der Applaus (Aufführung am 25.2.) war
insgesamt ungerecht kurz, und auf den teuersten Plätzen noch teilweise vorgetäuscht.
M. S.
J. W. Goethe: Torquato Tasso Premiere am Wiener Burgtheater: 24.02.06 Besuchte Vorstellung: 25.02.06
Weitere Vorstellungen: 1., 2., 12., 13. März sowie 1. und 2. April 2006 Infos: www.burgtheater.at
Fotos: (c) Wiener Burgtheater
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