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Grenzenloses von Wien bis Budapest

Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 MÄRZ 2006 / KOMMENTAR

 

Wiener Leut´

Direktionsloge oder Terrorzelle?

 

Ich wünschte, ich könnte Ihnen vom Wiener Opernball erheiterndes, ja wenigstens etwas aus der Reihe fallendes berichten. Auf dem Fruchtbarkeitsfest Österreichs herrschte aber nur gepflegte Langeweile. Der einzige vermeintliche Gag des Vorporgramms, das sich in Choreographie und Gesangsdarbietung unausweichlich mit Mozart zu befassen hatte, war eine auf Anweisung von Direktor Ioan Holender aufs Parkett gerollte riesige Mozartkugel. Wie wir im Anschluß erfuhren, war das sein stiller aber runder Protest gegen die Kommerzialisierung und den Kitsch, der um den Meister nicht nur in diesem Jahr veranstaltet wird. Das Auditorium war natürlich geschockt. Herr Direktor gilt ja auch schon seit längerem in gewöhnlich gut situierten Kreisen als Linksradikaler. Da reimt sich mir denn auch die Anwesenheit des Sohnes von Muhamar Al-Gadafi auf dem Ball zusammen. Wurde die Direktionsloge zur Terrorzelle?

Ein wirklicher Spaß wäre es allerdings gewesen, wenn sich aus jener Mozartkugel sein neuer Ballettchef Gyula Harangozó geschält hätte, der nämlich nicht nur für die äußerst kitschige Tanzdarbietung dieses Abends verantwortlich war, sondern der nun die Wiener auch noch mit einer Coppelia-Inszenierung aus Großvaters Zeiten, nämlich jener seines Vaters, einzustauben gedenkt. Ansonsten glich die Veranstaltung wieder dem üblichen Almauftrieb von Politikprominenz, Wirtschaftsbossen und Schowbiz. Lugner hat sich etwas mit dem Namen Carmen Elektra (ein Filmsternchen, keine Elektroinstallateurin und Kollegin aus der Baubranche) in die Loge gesetzt und es damit gegen die Wetten der Medienkollegen doch noch einmal geschafft, jemanden vom Niveau seiner Angetrauten aufzustöbern. Man kolportierte schon, Mausi Lugner wollte im Rathaus gar eine Sondergenehmigung behufs Enthebung von der Stallpflicht zum Zwecke des Ballbesuchs einholen. War natürlich Quatsch. Die Stallpflicht gilt ja nur für Nutzgeflügel. Aber daran können Sie einmal erkennen, wie dünn gesät der Spaß heuer war, daß ich ihn solche schalen Witze auftischen muss.

***

Apropos schaler Nachgeschmack. Es gibt kaum einen Grund zu triumphieren, daß die Koalition aus SPÖ und Jörg Haider in Kärnten geplatzt ist. Viel eher sollte man darüber nachdenken, wie sie überhaupt zu Stande kommen konnte. Auch der Umstand, daß ein verfahrenstechnischer Faux pas des Landeshauptmanns zum Thema Babygeld der Auslöser für den Bruch war und nicht die Kaspereien um die zweisprachigen Ortstafeln, deren Verhinderung der orange Landespapa zu einem nationaltheatralischem Abwehrkampf gegen slowenische Gebietsansprüche hochstilisierte, bei gleichzeitiger frechdreister Mißachtung eines Verfassungsgerichtsbeschlusses. Aber allein das genügte der SPÖ in Kärnten nicht, die Macht aufzugeben. Da wiegt ein Abstimmungsfehler bei einer Parlamentsentscheidung natürlich schwerer. - "Wat brauchste Jrundsätze, wenn de een Apperat hast." sagte schon Kurt Tucholsky in Bezug auf die deutsche Sozialdemokratie der Weimarer Republik, woran man sehen kann, um was für eine traditionsreiche Bewegung es sich bei den Sozialdemokraten handelt.

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Wien hat ein neues Theater. Ein Staatstheater. Ein Staatspuppentheater. Im "Rabenhof" tanzen Schüssel, Gusenbauer, Grasser und Co ab sofort an der kurzen Leine von Kabarettisten (siehe unsere Abbildung). Politiker sollen sich ja als Marionetten gut machen, wobei ich mir gar nicht so sicher bin, ob sich diese Art Karikatur durchsetzen wird, denn schließlich kann man im ORF regelmäßig die Plenarsitzungen des Nationalrates live verfolgen. ("Bei Schüssels", The Official European Puppet Porn, von und mit: maschek., Puppenspiel: Original Wiener Praterkasperl, Konzept & Regie: Thomas Gratzer, Ausstattung: Gerhard Haderer, Vorstellungen: 9., 10., 11., 21., 22., 31. März 2006, 1., 3., 4., 5. April 2006, RABENHOF THEATER, A-1030 Wien; Rabengasse 3, Karten: +43 (1) 712 82 82, )

m.s.

 

 

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