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FEBRUAR 2006 / KOMMENTAR
Wiener Skizzen *
Von Peter Stiegnitz
Kritik aus Pressburg
Kein gutes Omen für die bevorstehende/vollzogene - je nach Lust und Laune,
das Zutreffende streichen - Flughafen-Ehe zwischen Wien und Pressburg: Ein Pressburger Teilnehmer an einer Wiener EU-Expertenkonferenz (Thema:
„Demokratie in den postkommunistischen Staaten“) griff die österreichische EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner frontal an: „Die Frau Kommissarin …
äußert ihre Besorgnis über Demokratie-Defizite, und rauscht sofort ab“. Der EU-Experte aus dem Nachbarland musste die Ex-Außenministerin und
unterlegene Präsidentschaftskandidatin mit ihrem berühmten „Kampflächeln“ ziemlich gut kennen: Diskussionen, geschweige denn Gegenmeinungen anhören war nie Ferrero-Waldners Stärke.
Die Minderheiten(ver)sprecherin
Von der Burgenland-Kroatischen (Eigendefinition) Justiz- und
Minderheitensprecherin der „Grünen“ im Parlament, Terezija Stoisits, hätten wir mehr Sensibilität im Umgang mit wirklich benachteiligten Minderheiten
erwarten können. Frau Stoisits hatte in einem „Presse“-Interview (Thema: Ortstafelkonflikt in Kärnten) vollmundig erklärt: „Sie brauchen nur nach
Rumänien fahren, nach Sibiu/Hermannstadt. Bei 200.000 Einwohnern und einem Prozent Deutschsprachigen gibt es dort zweisprachige Ortstafeln.“ Rumänien,
das seine ungarische Minderheit, immerhin 1,5 Millionen Menschen, mit aller Gewalt niederdrückt, als leuchtendes Beispiel für eine gelungene
Minoritätenpolitik darzustellen, blieb Terezija Stoisits vorbehalten. Glauben Sie uns, liebe Frau Minderheiten(ver)sprecherin der „Grünen“, jeder Ungar in
Rumänien beneidet die Slowenen in Kärnten mit oder ohne zweisprachige Ortstafeln.
Visa, Kunst und Kokain
Kritik aus dem Innenministerium: „Zuletzt hat die SPÖ nur von falschen
Statistiken gesprochen, jetzt passt’s offenbar.“ - Ja, jetzt passt es wirklich. SPÖ-Geschäftsführer Norbert Darabos stellte nämlich eine ursächliche
Verbindung zwischen dem „Visaskandal“ österreichischer Diplomaten und der steigenden Kriminalität in der Alpenrepublik fest. Das Innenministerium winkte
zuerst hämisch ab. Jetzt stellte sich heraus, dass einem „Kunsthändler“ in Nigeria ein Visum zu Unrecht ausgestellt wurde. Der Nigerianer schickte
zunächst einem Galeriebesitzer in Oberösterreich Holzstatuen - voller Kokain - und dann kam er selbst. Bevor der „Kunsthändler“ und sein ebenfalls nach
Österreich eingereister Bruder das Rauschgift hierzulande verteilen konnte, wurden sie glücklicherweise in Linz verhaftet. Immerhin handelte es sich um 40
Kilo Kokain. Wie erklang es aus dem Innenministerium?: „… jetzt passt’s …“ Zumindest das stimmt wirklich.
Stenzel will nicht tänzeln
Die ehemalige EU-Parlamentarierin und jetzige City-Chefin, Ursula Stenzel, will
das Zentrum Wiens kultivieren. Während die Fiaker und die Taxis, vor allem aber die erweiterten Gehsteige die armen Autobesitzer in größte Wut und
Parkplatzsuche versetzen, verwandeln die Schanigärten (Gasthaustische, -stühle und Grünzeug), die Discos und ähnliche Etablissement das
kulturträchtige Herz Wiens zu einem Jahrmarkt dritter Klasse. Und das vor allem zu Weihnachtszeiten als die Branntweinbuden auch die Luft verpesten.
Ursula Stenzel will damit aufräumen und sie hat auch keine allzu große Freude mit den vielen Faschings-Festen die ihre eigene Partei alljährlich veranstaltet.
* Die „Wiener Skizzen“ erschienen im PESTER LLOYD seit
1867 und nutzten ihren leichten Plauderton für allerlei zensierliche Gedanken in einer eher konservativen Zeitung. Autoren waren unter anderem Ludwig Hevesi, Max Nordau
und Felix Salten, Ungarn, die ihr Lebensweg irgendwann nach, über oder durch Wien führte. Auch der Autor unserer neuen „Skizzen“, Peter Stiegnitz, geboren in Budapest
1936, lebt seit 1956 in Wien und gehört somit zu diesem illustren Kreis von „Grenzgängern“. Er war unter anderem Leiter der Pressestellen verschiedener Ministerien, ist
Soziologieprofessor und Autor zahlreicher Bücher.
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