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APRIL 2006 / KULTUR
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen,
nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben...
(I. Kant aus: Zur Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?)
Aufklärung - nur ein Experiment?
Der Menschenfreund bleibt in der Vorstadt und im Zentrum tobt der Biedermeier
Experiment Ausstellung - Die Wiener Albertina, das Da Ponte-Institut und das
Wiener Mozartjahr suchen mit „Mozart – Experiment Aufklärung“ den Blick aufs große Ganze, verfehlen aber prunkvoll das Thema
Abb: Haring (c) Wiener Mozartjahr
Als Lehrpfad zu Leben und Werk Mozarts und seiner Zeit ist die Schau vorbildlich
Die Ausstellung ist ganz im Gegensatz zur Intention der Macher lediglich für all
jene zu empfehlen, die einen recht gründlichen Blick in das Leben und Schaffen Mozarts werfen wollen, ausführlich illustriert mit viel wertvollem Nippes der
Zeit. Monitore geben sowohl zu den Reisen, als auch zum persönlichen Umfeld Mozarts und zur Wirkung seiner Werke beredten und graphisch pointierten
Kommentar. Als Lehrpfad zu Leben und Werk Mozarts und seiner Zeit ist die Schau vorbildlich. Dazu wird der Mozartfreund luxuriösest bedient mit den
wertvollsten Handschriften, von Briefen Leopolds bis hin zu den zahlreichen Partiturautographen seiner Opern und Messen, zusammengetragen aus aller
Herren Länder, das meiste aus der Berliner Staatsbibliothek und dem Salzburger Mozarteum. Dinge, die man nur einmal im Leben zu sehen bekommt.
Man kann problemlos 3 Stunden allein in diesem Hauptraum verbringen,
schauen, staunen, schwelgen, lernen. Da Pontes wilde Leben wird eingebettet in die emanzipatorische Abenteuerlust einer ganzen Generation, man begleitet
Mozart bei seinen Siegen und bangt mit ihm, wenn es schwierig wurde. Kompliment den Machern für eine gute, bis dahin würdige Ausstellung. Streift
man aber weiter durch die Prunkräume der Albertina und das Nebengelass „Zauberflöte und Freimaurerei“ oder den Raum über medizinische Forschung
sowie die Sammlungen, die zur Mozartzeit angelegt wurden, fällt einem der Titel wieder ein: „Experiment Aufklärung“. Ohne Fragezeichen. Einfach eine
Feststellung. Bedenkt man nun, was man alles nicht gesehen hat, kommt man nur zu dem Schluß: Thema verfehlt. Und ich bin mir bis jetzt noch nicht sicher,
ob fahrlässig oder vorsätzlich, denn die Ankündigungen klangen sehr vielversprechend. Da war von den „Zukunftspotenzialen“ die Rede und von der „Aktualität der Epoche“.
Daß ist genau der Ort, an den mancher sich die Aufklärung hinwünscht: ins Museum...
Nicht nur der Titel, sondern das sichtbare Ergebnis der Ausstellung hingegen
könnte von Kardinal Schönborn persönlich ersonnen, konzipiert und exekutiert sein. Denn sie ist schön und wirkungsvoll gemacht, wie der Gottesdienst einer
katholischen Kirche. Und sie ist eine kalkuliert scheinende Lüge. Das ist genau der Ort, an dem er und die seinen von der neuen Inqisition des Kreationismus
sich die Aufklärung hinwünschten. Ins Museum. Als ein historisches Kapitel ohne große Folgen zwischen Kupferstichen und Rokkokomöbeln. Als einen
blasphemischen Ausrutscher, von durch zu milde Herrscher Irregeführte. Als ein Experiment von vielen, die zu nichts führten. Irrungen der von Frechheiten
Besessener, wie die Freimaurer, ergänzt um die Sammlungen der Wunderkabinette, Ballonfahrer, Quacksalber und Weltreisenden, all dieser Spinner, denen Gottes ewige Ordnung nicht genügte, die sich – trotz
ausdrücklicher Indoktrination - nicht mit der Hoffnung auf das Paradies danach bequemen mochten. Mag sein, daß die Aufklärung zuerst nur eine Bewegung
von Bildungsbürgern und ihrer gnädigen Herrscher war, eine ständige Konferenz gut gepolsteter Geister. Doch letztlich nahmen diese Denker nur auf, was sich
in roherer Form im Volk zusammenbraute, der Drang nach Freiheit und Mündigkeit.
Dagegen diese Ausstellung: Die späten, nach Preußen-Friedrichs Vorbild
begonnenen Reformen Joseph II. werden dargestellt, so als handelte es sich dabei lediglich um eine Effizienzsteigerung des Staatswesens, eine Förderung
der Wissenschaften und die Vereinfachung der Begräbnisvorschriften. Nur leise Andeuteungen streifen die Schleifungen der Klöster, der zumindest versuchten
Zurückdrängung der Jesuiten und des Klerus aus dem Bereich der öffentlichen Bildung, kein Wort von beginnender Gewaltenteilung, Kontrolle, wenn schon
nicht Abschaffung der Adelsprivilegien, zaghaftes Einführen und Durchsetzen von Menschen- und Bürgerrechten.
Immanuel Kant neben der Frau ohne Unterleib - Ein Jahrmarkt des Atheismus
Ebenso wird nicht erwähnt, daß sich nicht das „Experiment Aufklärung“ durch
Scheitern selbst erledigt hat, sondern, daß es die päpstlich gesteuerte Reaktion, katholische Geheimbünde aus Österreich und Süddeutschland waren,
die Einfluss auf die neuen Könige, vor allem in Österreich, Bayern, Sachsen und Preußen gewannen und mit der berechtigten Angst vor dem französischen
Beispiel einer außer Kontrolle geratenen Revolution das Rad der Geschichte immerhin gute 50 Jahre anzuhalten vermochten.
Statt dessen werden uns in der Albertina Wunderkabinette als Errungenschaft
der Aufklärung vorgeführt. Immanuel Kant neben der Frau ohne Unterleib. Ein Jahrmarkt des Atheismus. Dazu zerrte man also Mozarts Biografie wie einen
roten Faden (oder Galgenstrick) und seinen Freiheitsdrang als Kronzeugen herbei, so als hätte es seine Musik nie gegeben. Wären seine Opern, die
letztlich die Verbindung zwischen Idealismus und Humanismus als Welttheater erschufen, nur der Zauberstrahl eines Ausnahmetalentes gewesen, begünstigt
von einem kurzen frischen Wind der Zeit. So als wäre die Aufklärung nicht das Fundament all unserer freiheitlichen Rechte von heute, inklusive der
Religionsfreiheit, als wäre sie nicht alles, was heute in unseren Breiten nicht-barbarisch ist. Als wäre sie nicht die Grundbedingung dafür, daß auch die
anderen Welten einen Weg aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) finden. Schließlich geht es den Menschen nur dort schlecht, wo die Aufklärung
nie gründlich hindurch drang. Das kann die katholische Kirche von sich nicht behaupten. Das schlimmste aber an dieser Ausstellung ist, daß sie eben nicht
von Schönborn und seinen Kohorten gezimmert worden ist, sondern von hochqualifizierten, aufgeklärten, weltoffenen Menschen, den Eliten des Wiener Kulturbetriebes im Jahre 2006.
Re-Mapping Mozart: an gottverlassenen Orten...
Einen Gegenentwurf dazu gibt es auch im Mozartjahr, das muß man fairerweise
sagen: „Re-Mapping“ Mozart heißt der und ist eine Ausstellungs- und Diskussionsserie, angestoßen von Librettozitaten aus Mozartopern. Die findet
aber an „ungewöhnlichen“, wohl eher schwer zugänglichen, ja gottverlassenen Orten statt, z.B. in der Bösendorfer Fabrik in den Tiefen des dritten Bezirks.
Darin geht es um Ausgrenzungen, um Rassismus, um den Toleranzbegriff und was in Wien daraus geworden ist. Dort dürfen sich die organisierten Randgruppen
mit amtlichem Nachweis der Gemeinnützigkeit austoben und beklagen, ein bisschen Förderung abgreifen. Der Menschenfreund bleibt in der Vorstadt und im Zentrum tobt nicht das, aber der Biedermeier.
Marco Schicker
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