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MAI 2006 / KULTUR
Müde Krieger
Aktionistenarchivierung oder Der Wiener Aktionismus zwischen Provokation und Folklore. Die Ausstellung
der Sammlung Julius Hummel im Wiener MUMOK zeigt die Reliquien der Unheiligkeit
Hermann Nitsch: 8. Aktion, Schloß Prinzendorf 1984 Abb (c) MUMOK / VBK Wien, Archiv Cibulka-Frey
Hat es etwas zu sagen, wenn Hermann Nitsch während der Pressekonferenz zur
Wiener Aktionismus-Ausstellung einschläft? Vielleicht, daß er einfach müde, überarbeitet, lebenserschöpft oder nur gelangweilt ist? Oder überbringt uns der
Großvater der künstlerischen Provokation auf diese subtile Weise die Nachricht, daß der Wiener Aktionismus eingeschlafen, beendet, erledigt ist?
Allein der Umstand, daß es dem MUMOK gelingt, den Wiener Aktionismus in
Form der umfassenden Sammlung Hummel ins Museum zu stellen, zeigt das Problem: soll man und wie kann man Aktion ruhigstellen, Aktionisten
archivieren? Die Sammlung Hummel besteht aus all den Überbleibseln und Artefakten, Dokumenten und Werken der zahlreichen Orgien-Mysterien-
Theater, Publikumsbespuckungen und -beschimpfungen, Bilderstürmereien, Kommunnarden und Installationen der Aufbruchsgeneration um Hermann Nitsch, Günter Brus, Otto Muehl und Rudolf Schwarzkogler.
Sie ist die wohl umfassendste Dokumentation dieser Künstlerszene, dieser
„Notgemeinschaft von Einzeltalenten“, wie sie Nitsch, als er wieder erwacht war, charakterisierte, die sich durch den Konservativismus der 50er und 60er
Jahre provoziert fühlte. Provoziert, die betonale Verweigerungshaltung der Österreicher gegenüber der Erkenntnis des Gewesenen und des Seienden durch
eine Art Schocktherapie am halbtoten Objekt aufzubrechen.
„Kunst und Revolution“ war die Losung: „Pornografie und Entartung“ hallte es
zurück. Eine wilder untheoretisierbarer Treibstoff aus Marx, Freud, Fluxus und Faxen trieb sie an, der Tabubruch war ihr Stil, die Ablehnung ihr Lohn. Die
wohl wichtigste Kunstbewegung Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg ließe sich als ein unverzichtbarer Beitrag zur Nationalhygiene beschreiben, wenn
dieser Begriff in Österreich nicht einen so schalen Beigeschmäck besäße, was ihn als Begriff zwar unmöglich, als Vorgang aber umso nötiger macht.
Einen weiteren Verdienst hat die Sammlung des Julius Hummel: sie bindet die
Aktionen der vier Hauptprotagonisten in die internationale Szene ein, was einen interessanten Durch- und Einblick gewährt über Befruchtungen wie
Gegentendenzen, aber auch das Insulanische, wohlwollend gesagt Singuläre, freilegt. So sind auch Werke u.a. von Beuys, Schlingensief, Rainer, Warhol und vielen weiteren im MUMOK zu sehen.
Otto Muehl: Silberarsch, 1965, Sammlung Hummel Abb (c) MUMOK / VBK Wien, Ludwig Hoffenreich
Der Hauptwiderspruch dieser Schau bleibt allerdings bestehen: man sieht eben
keine Kunstwerke, weil die zeitliche Dimension ihrer Entstehung, die eine ihrer Bestandteile ist, nicht wiedergegeben werden kann. Die Überbleibsel, ob
Zeichungen, Objekte oder Fotos haben den Wert von Aufzeichnungen. Selbst die zahlreichen Videoprojektionen, sind nur Dokumentationen einer Kunst, die
nur im Moment der Entstehung das emotionale Gefühl hervorzubringen vermag, wie es etwa eine Theateraufführung mitunter schafft. Und so kann diese
Ausstellung letztlich nicht viel mehr leisten, als eine Art Theaterarchiv zu sein. Die Räume haben daher zwangsläufig auch nicht mehr die Wirkung, die dem
provokanten Anspruch der Aktionisten entsprechen könnten, er wird fast zu einer Pilgerstätte, die Objekte zu Reliquien der Unheiligkeit. Ja, wenn man die
endlosen Reihen von verstümmelten Schwänzen und schlamm- und blutwälzenden Kreaturen abschreitet, entwickelt sich fast die Komik eines
Comicstrips und es bleibt nicht mehr viel von dem Schock, der so gut tun sollte und so gut wie nichts brachte.
Österreich blieb konservativ, ist es mehr denn je, vergangenheitsblind, situiert
und verklemmt. Nur schlauer: heute kauft man an, was man früher mit Strafe belegte. Auch diese Kunstbewegung wird wohl allmählich das Schicksal der
berühmteren und zu Zeiten viel provokanteren Vorgänger, wie Kokoschka und Schiele antreten müsse und, wie diese, zu einem Teil der österreichsichen
Zeitensammlungen werden, ihren Platz finden müssen, zur Nationalfolklore erhoben, oder je nach Sichtweise, erniedrigt werden. Man lädt nochmal ins Burgtheater, anschließend geht’s in die Archive.
Nicht wenig tragen dazu auch die einstigen Häuptlinge des aufklärerischen
Kriegszuges bei. Während der eine schlief, verfing sich der andere, Günter Brus, in kleinlichen Eitelkeiten, indem er die falsche Einordnung des Wiener
Aktionismus „in deutschen Landen“ beklagte: „man findet uns dort in vielen Lexika immernoch nur als Gruppe, nicht als Einzelkünstler.“ Der Drang nach
Enzyklopädiesierung als hilfloses Bemühen, den Nachruhm zu sichern. Die Unordentlichen haben sich eingordnet.
Vielleicht war aber Nitschs morpheuser Anflug kein Zeichen von Schwäche
sondern eine versteckte Aktion und er erwartete sich einfach, wachgerüttelt zu werden? Schlafwandler jedoch, wecken sich gegenseitig nicht.
Marco Schicker
Wiener Aktionismus - Die Sammlung Hummel 5. Mai bis 16. Juli 2006 im MUMOK Wien, Museumsquartier, www.mumok.at
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