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MAI 2006 / KULTUR
Wir sind längst keine Exoten mehr
sagt Dr. Zoltán Fónagy, Direktor des Kulturinstitutes Collegium Hungaricum Wien (CH) und erläutert
im Gespräch mit dem PESTER LLOYD / Wiener Lloyd wie sich der Kulturaustausch mit Österreich und die gegenseitige Wahrnehmung in den letzten Jahren gewandelt haben
Dr. Zoltán Fónagy, Direktor des Collegium Hungaricum Wien (rechts)
im Gespräch mit den bildenden Künstlern Károly Klimó und Gábor Záborszky bei einer Ausstellungseröffnung in Wien, Foto: CH
Auswärtige Kulturpolitik ist heute längst nicht mehr nur die Darstellung
nationalen Kulturerbes in einem repräsentativen Schauraum. Und so sind auch die ungarischen Kulturinstitute im Ausland nicht mehr nur rot-weiß-grüne
Gralshüter lange geübter und gepflegter Klischées. Im Gegenteil, sagt Direktor Fónagy: „wenn man unsere heutige auswärtige Kulturpolitik charakterisieren
will, so kann man sagen, daß sie unmittelbarer ist, frei von starren Richtlinien und Vorgaben. Sie unterliegt ebenso einer ständigen Bewegung,
muß genauso dynamisch sein, wie die Vorgänge in der Gesellschaft unseres Landes und ebenso flexibel auf den jeweiligen Stand der Beziehungen zum
Gastland reagieren können, wenn sie wahrgenommen werden will. - Kulturpolitik ist konkret geworden.“
Es ist in den letzten zwei Jahren ein Generationenwechsel auszumachen bei
der Leitung der Auslandsinstitute. So findet man etwa in Stuttgart, Brüssel und Paris mehrere jüngere Direktoren, die vorher u.a. ein Online-Literaturportal
aufbauten, bei Nichtregierungsorganisationen engagiert waren und einer unabhängigen Kulturszene entstammen, einer „progressiven Sphäre“ also, was
natürlich konkrete Auswirkungen auf die Ausstrahlung und die Angebote der Institute hat.
Auch der Historiker Fónagy gehört zu einer Generation, die „ein jüngeres
Ungarnbild vermitteln und nicht einfach die Stereotypen weitergeben will, auch wenn sich mit den Klischées noch immer leichter operieren ließe.“ Er
erläutert, daß es natürlich einfacher ist, einen großen Saal zu füllen, wenn – wie kürzlich - das Hundertköpfige Zigeunerorchester auftritt, als größeres
Publikum für avantgardistische Kunst anzuziehen. Die Kontakte werden informeller, die Kanäle und Ebenen auf denen Austausch stattfindet immer
vielschichtiger als daß sie mit den Mechanismen einer alten Kulturdiplomatie noch verwaltet werden könnten oder sollten.
Am Programm des Wiener Collegium Hungaricum läßt sich dieser Wandel
ablesen. Das Institut bewegt sich mit seinen Veranstaltungen bewußt und gezielt in die österreichsiche Szene, bietet Podium und Unterstützung als Anregung
zum Weitertun für viele kleine Projekte. So wurde gerade eine Ausstellung eröffnet, in der sich arrivierte ungarische Künstler mit dem Werk des
österreichischen Aktionisten Arnulf Rainer auseinandersetzen, am 18. Mai treffen sich österreichische und ungarische Literaten zum Fußballmatch,
drumherum gibt es Lesungen und in einer „Dritten Halbzeit“ tröstet man sich und ein bißchen auch den Nachbarn mit alten Kultfilmen aus der Glanzzeit der
„Magic Magyars“ über die wiederholte Abwesenheit von der Fußball-WM hinweg.
Lesungen ungarischer Autoren finden häufig in der „Alten Schmiede“ oder an
anderen Orten der Wiener Leseszene statt, mit „Lesetheatern“ will man auch der ungarischen zeitgenössichen Dramatik, vertreten u.a. durch Forgách und
Spíró, wieder einen Platz in Wien erkämpfen. Auch die „Absätze“, eine Reihe mit jungen und arrivierteren ungarischen Autorinnen sucht mit
Erstübersetzungen Lücken in der Wahrnehmung einer reichen, doch auch so fern scheinenden Literaturwelt zu füllen. Gerade letztere Veranstaltungsreihe
brachte in der Wiener Szene schon einige Beachtung, allein schon, weil man mit dieser emanzipatorischen Herangehensweise ein weiteres Klischée von Macho-Ungarn aufbrechen konnte.
Nicht unwichtig ist auch die Ankoppelung des CH an die Ost-West-Drehscheibe
Wien, die sich nicht nur auf politische und wirtschaftliche Bereiche beschränkt. So gibt es seit einiger Zeit eine rege Kooperation mit dem
rumänischen Institut, was gerade im Lichte der komplizierten ethnischen und historischen Verflechtungen beider Länder hochinteressante Annäherungen
zeitigt. Den Kooperationsgedanken vertiefend, erläutert der Direktor: „Soeben haben vorerst 11 ausländische Kulturinstitute den Verein der europäischen Kulturinstitute ins Leben gerufen“, mit dem Ziel Kräfte zu bündeln, und um
auch gegenüber „österreichischen Partnern effektiv und mit einer Stimme sprechen zu können“.
Das CH ist und bleibt aber auch ein Bildungsinstitut, schließlich war es 1924, vor
mehr als achtzig Jahren Jahren, als ein Wissenschaftscollegium gegründet worden. Neben dem vielfältigen Veranstaltungsbetrieb laufen fortwährend
Stipendienprogramme, bei denen Akedemiker aus Ungarn für Monate in Wien an diversen Forschungsprojekten arbeiten.
Ein diesjähriger Schwerpunkt, bei dem der wissenschaftliche mit dem
nachbarschaftlichen Anspruch des CH besonders eng verschmelzen wird, ist das Gedenken an die Ereignisse von 1956 und danach. Hier wird es eine
wissenschaftliche Tagung mit Experten und Zeitzeugen beider Länder geben, die sich vor allem auf das Schicksal der Flüchtlinge konzentriert. Begleitet von
Ausstellungen und einer Publikation, die auch bisher wenig beleuchtete Aspekte der um die 200.000 Ungarn-Flüchtlinge berücksichtigen wird, ist das nicht nur
eine Gelegenheit Österreich noch einmal Dank zu sagen, für eine offenherzige Hilfe in einer für das Land damals selbst noch sehr schweren Zeit, sondern es ist
auch und vor allem ein Anlaß, gemeinsam erlebte Geschichte zum Teil einer gemeinsamen Identität auch für die Zukunft werden zu lassen.
„Wir sind längst keine Exoten mehr“, stellt der Direktor gar nicht bedauernd fest, was auch bedeutet, daß der Platz, den Ungarns Kultur heute in Österreich
einnimmt fast schon ein selbstverständlicher, wenn auch stets noch ausbaufähiger, ist. „Uns ist hier im Hause vor allem der persönliche Kontakt
zum Publikum wie zu den Aktiven der Kultur wichtig. Wir wollen eine angenehme Athmosphäre schaffen, eine positive Grundstimmung verbreiten,
die bei unseren Gästen und Besuchern eine positive Einstellung zu Ungarn vermittelt. Wenn uns das gelingt, ist viel erreicht, und dies zu erreichen, ist
keine leichte aber doch auch eine sehr schöne Arbeit.“
Marco Schicker
Weitere Informationen auch unter: www.collegium-hungaricum.at
Dieser Beitrag erscheint im  einem Gemeinschaftsprojekt von PESTER LLOYD und Ungarischem Außenministerium
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