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MAI 2006 / KULTUR
Die Entführung aus dem Theater
Dönerkomik und das komplexe Wunder Frau – Wie man eine „Entführung“ entführt
Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ am Wiener Burgtheater
Mozart´s deutsches Singspiel, 1782 im alten Burgtheater uraufgeführt, sollte
anläßlich des - allmählich ein schauriges Eigenleben annehmenden Mozartjahres - an das neue Burghteater „zurückkehren“. Laut Direktor Bachler handelt es sich bei dem
Insititut um das „letzte echte europäische Nationaltheater“. Immerhin kann man, wenn die führende Schauspielbühne mit dem führenden Musiktheater, der Wiener
Staatsoper, kooperiert, (die laut Direktor Holender „eines der Top Drei Opernhäuser der Welt“ ist), natürlich nichts weniger als absolute Welktlasse erwarten. Geschichte
und Personal der Oper sind hinlänglich bekannt, so genügt es uns einen Blick auf Inszenierung und musikalische Ausführung sowie das Produkt dieser Schmelze zu werfen.
Die Regisseurin Karin Beier entführt das Stück zuerst aus der Vergangenheit, was
frisch anmutet, denn nichts liegt heute näher als diese Türken-Frauen- Unterdrückungsstory mit dem politisch korrekten Ende eines milden Osmanen, der
mehr Weisheit besitzt als wir ihm zutrauen, ans Licht des Heute zu bringen. Die nächste Entführung war die Entführung aus dem Libretto. Ziemliche Lacheffekte
erheischte die Neufassung einiger Rezitative, turkdeutsch und Dönerkomik bis sich die Balken bogen.
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Mehr als eindringlich offenbarte uns die Schauspielregisseurin sodann das komplexe
Wunder Frau, da wir bisher immer angenommen hatten, Konstanze könne immer nur Belmonte lieben und Blondchen zweifelsfrei nur Pedrillo. Oh, nein, aber die Sache
ist durchaus vielschichtig und so knutschten sich die Damen auch ein wenig mit ihren Peinigern und Kerkermeistern herum, während sie von Freiheit sangen. Die Herren
Europäer sehen dagegen recht hilflos und simpel drein. Wie neu, wie grandios. Nun gut, eine Hörspielfassung dieser Version gab es doch schon, steht nämlich alles in der
Partitur, aber Frau Beier liegt vielleicht nicht ganz falsch in der Annahme, daß ihr Publikum viel zu ungebildet für derlei freudsche Zwischentöne ist. Die Entführung aus
der Partitur. Das Ende verlief ein wenig im Sande der Konventionen, da gingen entweder die Ideen oder der Mut aus und weder Text noch Spiel fanden je wieder
richtig zurück in die Musik, blieben letztlich genauso Nummern wie sie es im 18. Jahrhundert waren.
Die Sänger boten durchwachsene Leistungen. Belmonte (Daniel Kirch) kämpfte
wacker, tat stimmlich was er eben kann, und bot damit doch noch mehr als mit seiner Präsenz auf der Bühne und im Stücke. Pedrillo (Cosmin Ifrim) hat für derart
Buffo-Rollen ein luxuriös ausgestattes Organ und als Darsteller einen sehr passend schwejkschen Charme. Blondchen (Julia Rempe) singt etwas dünn, spielte aber die
ihr zugedachte Rolle der pseudoemanzipierten Luxus-Tussn wunderbar. Konstanze (Diana Damrau) glänzte spielerisch durch ihren Vorwärtsdrang und gesanglich durch
Meisterleistung. Ihre Rolle ließ man weitgehend unzerstört. Osmin (Franz Hawlata) schlug sich wuchtig bis grobschlächtig und Nicholas Ofczarek genoss sein „Solo für einen Schauspieler“ sichtlich.
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Wenn wir resümieren, daß die Inszenierung insgesamt doch recht unterhaltsam,
wenn auch kaum überlieferungswürdig war, die Kapelle unter Philippe Jordan ordentlich spielte, (die Bläser hätten manchmal etwas dreister sein dürfen) und wir
uns ansonsten an Mozarts Musik satt essen durften, in der, mal abwechselnd, mal gleichzeitig, Sonne und Mond aufgeht, so war diese „Entführung aus dem Theater“
eine gute Leistung. Würdig eines jeden mittelgroßen Hauses in einer jeder mittelgroßen Stadt in deutschsprachigen Landen. Mehr war es nicht. Die Weltklasse
bleibt gefangen im Serail der Regisseure. Sie wollen nicht rauslassen, was sie selbst nicht besitzen.
M.S.
Weitere Vorstellungen und Tickets: www.burgtheater.at
Fotos: Burgtheater
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