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Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 MAI 2006 / KULTUR

 

Gänse im Serail

Mozart´s Singspielfragment „L´oca de Kairo“ (Die Gans von Kairo)
findet an der Wiener Kammeroper einen amüsanten und
schlüssigen Weg in die Gegenwart

Daß zwischen der „Entführung“ und dem „Figaro“ angelegte musikalische Lustspiel von 1783 basiert auf einem Libretto von Varesco (Idomeneo), mit dem der Meister aber nie recht zufrieden war. Er habe keine Ahnung vom Theater, „nicht die geringste Practic“ und solle die Sache gefälligst „nach meinem sinn zuschnizeln“, sie „so viel und so oft ich will umschmelzen“ oder, wenn er das nicht kann, das Buch „gerade so hinwerfen“, damit Mozart den Wienern ein „Welsches Singspiel“ bieten kann, auch mit dem Hintergedanken, den „Herrn Italienern“ zu beweisen, daß er sie auch darin überflügelt.

Die Ovationen gebühren hier aber eigentlich nicht so sehr Mozart, denn der schaute während der Aufführung nur ein paar mal wie aus einer Zeitmaschine keck ums Eck, lachte mit und bot einige Gastauftritte. Fingerübungen zwischen Entführung und Figaro, einige Perlen ins Publikum streuend. Wie in einer Konferenzschaltung mit der Vergangenheit wurde seine Musik ein- und ausgeblendet, er um seine Meinung gefragt und war ansonsten Stichwortgeber und amüsierter Zuschauer einer eigenständigen Oper, einem Kriminallustspiel um einen alternden Zausel, besessenen Antiquitätensammler, der seine Tochter mit Zofe gefangenhält, weil er deren Flucht aus seiner tyrannischen Welt so fürchtet, wie er den vor Jahren erlittenen Verlust seiner Frau betrauert.

Allerhand Männer bemühen sich nun mit allerhand Tricks um die Befreiung der Schönen, bieten ihm, was ihm das ersterbenswerteste scheint: die legendäre Gans von Kairo, die schon in Besitz der Kleopatra gewesen sein soll. Klamottigste Verwechslungen, erotische Nebenschauplätze, im Turm gackern die Damen wie Gänse im Serail um ihre Befreiung und am Ende bleibt eine offene Frage. Es gibt keine Sieger, nur Besiegte der eigenen Lüste und Egoismen. Mozart kannte seine Wiener.

Der früh verstorbene britische Komponist Stephen Oliver verfasste zum mäßigen Textbuch, daß zwar voll guter Ideen, aber arm an wirklichem Witze ist, eine vollkommen eigenständige Musik, eine Tonsprache, gratwandernd an den Abgründen der Tonalität, mal plakativ illustrierend, mal abgrundtief psychologisch, immer spannend, immer vorwärtstreibend. Dazwischen Mozart, teilweise, ob fehlender Noten ausinstrumentiert, aber immer purer Mozart. Wie eine Beweisführung, daß Komik über Stilgrenzen hinweg funktionieren kann. Die Skizzen und vorhandenen Arien wurden in die Handlung und die Partitur integriert, da aber ein fertiges Finale des 1. Aktes vorhanden war, stellte Oliver die Handlung um, setzte es ans Ende der Oper und ließ damit selbiges offen. Ein kluger Kniff eines Theaterpraktikers und eines großartigen Komponisten.

Daß diese, angesichts dessen was wir uns sonst an Bearbeitungen, Kürzungen, Zerpflückungen und Installationen bieten lassen müssen, gewagt scheinende Symbiose wunderbar funktionierte und nicht zum Gänseklein wurde, ist natürlich auch dem, für diese Aufgabe excellenten Ensemble, dem furiosen Orchester, einem pfiffigen Bühnenbild und einer geschickten Regie zu verdanken. (Wann bejubelte man in Wien zuletzt die Regie?) So können wir mit der Wiener Gans an einem Abend eine kurzweilige Komödie, eine intensive, moderne Oper und Musik von Mozart genießen, die man sonst nur alle 50 Jahre einmal zu hören bekommt. Eine große Leistung für ein kleines Haus.

M.S.

Vorstellungen noch den ganzen Mai hindurch und bis zum 3. Juni
nähere Infos und Tickets unter:
www.kammeroper.at

Fotos: Wiener Kammeroper (c) Christian Husar

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