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DEZEMBER 2006 / KULTUR
Fest des Flirtens und der Bosheit
Shakespeares "Viel Lärm um nichts" am Wiener Burgtheater als unterhaltsamer Beweis einer Regiekrise
Der "Kontinent Shakespeare" und die Ur- und Erstaufführung neuer Werke (siehe unsere andere Rezension) bilden die Pole der aktuellen Saision
des Wiener Burgtheaters. Es wird nicht verwundern, daß ausgerechnet Erstgenannter dabei der Garant für Modernität und Mentor der "Neuen"
sein wird, die sich dann umso freier produzieren und blamieren können.
Fotos: (c) Burgtheater
Im vorliegenden Falle gelang es Regisseur Jan Bosse die Shakespeare-Komödie "Viel Lärm um nichts" (Premiere am 9. Dezember 2006) derart auf heutiges
Possenmaß herunter zu inszenieren, daß man sie kaum noch vom dem Werk irgendeines dahergeförderten Jungautoren unterscheiden konnte. Für eine
Übersetzung in unseren heutigen Gossenslang sorgte das Burgtheater zudem, als ob es einer solchen bedürfte um Shakespeare ins Heute zu holen und
verständlich zu machen. Weitere Requisiten waren: Eine in ihrer Maßlosigkeit wirklich witzige Acapulco-Kitsch-Hochzeitsszene, natürlich zeitgenössische
Kostümierung zwischen Dandy, Schlampe und Zuhälter, und wieder die Bildsprache der Comics und, eine mittlerweile zur Seuche gewordenen, gestreute
Vereinzelung der Darsteller auf der Bühne. Die Schauspieler (Martin Reinke, Jörg Ratjen, Joachim Meyerhoff) imitierten, sicher völlig unbewusst und in
gleicher Eiehenfolge, mal Dieter Mann, mal Klaus Kinski bis hin zu Mirko Nontschew und Dittsche. Nur der Nicholas Ofczarek, der ist schon ein
berühmter Held hier, der spielt nur noch sich selbst. Bei den weiblichen Darstellerinen hatte ich eher den Eindruck, die nehmen die Sache ernster, die
sind nicht nur zum Vergnügen hier (Christiane von Poelnitz, Dorothee Hartinger).
Zwei Stunden Kurzweil und sehr seichte Unterhaltung servierte man uns mit diesem Stück. Immerhin hat es unterhalten, dank fröhlicher Schauspieler und
einem unterhaltungswilligen, sehr gutartigen Publikums. Und, natürlich, dank einer Geschichte, 400 Jahre alt, und doch immer wieder neu. Eine verschmitzt
zwinkernde Hymne auf das Flirten, die Liebe und uns bekannt bissigen Bosheiten, menschlichen Untiefen, die keiner so wie Shaekespeare ausloten und verbildlichen konnte. Außer Mozart in Musik.
Kein Ende und kein Anfang,
alles nur Mittelstück, alles nur durchgerattert
So lustig alles war, die Art der Inszenierung, allerdings nicht nur dieses Stückes, sondern der ganzen Steppenwölfe, Kirschgärten, Muttermale,
Kleinbürgereien der letzten Saison, bedarf einer kleinen Generalabrechnung, sonst verstellt uns das schöne Detail noch den Blick aufs scheußliche Ganze. Die offensichtliche aber fortgesetzt ignorierte
Krise des Regietheaters.
Die Hauptforderung an das Theater, und somit eben auch an die heutigen Regisseure, aus der wir beide nicht
entlassen werden, ist es, dem Publikum emotionale Regungen mit den Mitteln der Bühne zu verschaffen. Dafür haben die großen Dichter Stücke geschrieben,
die nicht, wie die meisten heutigen, nur nichtendenwollende Textschlangen, frei fragmentier- und wiederzusammensetzbare Existentialistenlegosteinchen sind,
die nicht einmal die Bitte nach einer Inszenesetzung enthalten, sondern, sie haben Höhepunkte geschaffen, Handlungslinien, die auf gewisse Momente
hinarbeiten, an denen der bewegte Geist gemeinsam mit dem sich bewegenden Schauspsieler innehält, und der eine zeigts, der andere denkts: oho, oder auch ah, meinetwegen ih. Eigentlich ganz leicht.
Aber einfach durchrattern, das Ende wie der Anfang, alles nur Mittelstück, das ist zu wenig. Das ist verfehlt. Das ist zu schwach. Das kann nicht alles sein, was
ihr könnt. Oder doch? Natürlich, könnte man denken, warum soll eine Generation die Emotion des Publikums manipulieren, wenn Emotion zu zeigen
uncool ist, eine an Trends und Gegentrends definierte Intellektualität wichtiger ist als Seele zu zeigen oder zeigen zu lassen. Man meint, das Publikum sei heute
so intelligent, daß man ihm keine fertigen Aussagen mehr vorsetzen solle oder dürfe, da es sich selber einen Reim auf mögliche Interpretationen machen kann
und man es nicht bevormunden müsse. Das Publikum aber ist sogar so intelligent, daß es merkt, daß die Regie heute weder bereit noch in der Lage ist
Aussagen zu treffen, daß sie - sollten sie noch eine Meinung haben - zu ängstlich zu angepasst sind, an das allgemeine Dekonstruktivistengefasel, als daß sie sie
noch öffentlch formulieren würden, die Aussage. Denn eine klare Aussage reizt zu Widerspruch, macht angreifbar, man müsste dann Mut aufbringen.
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Das Publikum wäre sogar so intelligent, (ich weiß, man möchte das kaum glauben), daß es sich sogar gerne festgefügte, klar formulierte Aussagen und
Bekenntnisse anhört und -sieht und dennoch dazu in der Lage wäre andere und eigene Denkweisen, Interpretationen zu erfassen und zuzulassen. Es, das
Publikum, möchte sich aber im Burgtheater nicht unbedingt in einer Werkstatt fühlen, in der regel- also übermäßig die individuelle Schauspielerei auf dem Altar
kollektiver Eitelkeit und allgemeiner Unverbindlichkeit geopfert wird, so wie das auch in vorliegendem Shakespeare-Stück letzlich leider der Fall war. Das
Publikum teilte das dem Burgtheater auch mit, in dem es in Länge und Stärke applaudierte, als wäre alles nur ein clowneskes Platzkonzert im Kurpark gewesen.
Marco Schicker
Weitere Vorstellungen: 26., 27., 31.12. 2006 und 1., 13., 14., 28.1. sowie 3.2. 2007
Informationen und Karten: www.burgtheater.at
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