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DEZEMBER 2006 / GESELLSCHAFT
Cantata profana
Danken und Sterben in Wien
Am vergangenen Samstag dankte Ungarn nochmals den Österreichern für
ihre selbstlose Hilfe während der 56er Flüchtlingswelle. Diesmal, und faktisch als Höhepunkt, luden das Ungarische Kulturinistitut und die ungarische katholische Gemeinde von Wien ins Allerheiligste, den
Stephansdom. Während man im Innern über Dank und Hilfe, Mildtätigkeit und Selbstlosigkeit der Österreicher berichtete, kam die Meldung von der
Ermordung eines Wiener Obdachlosen auf einem Bahngelände in den Nachrichten.
Cantata profana, Holzschnitt
Zeitgleich protestieren auf dem Domplatz junge Leute gegen Tierquälerei,
sammeln bepelzte Lions-Clubber bei Punsch für Obdachlose. Jene, die noch leben. Oder für die Restaurierung der Domspitze. Im Innern des
Stephansdomes gedachte man mit Musik dem Leid der Menschen von vor 50 Jahren. Die Pécser Philharmoniker intonierten eine Messe ihres Gründers
Johann Georg Lickl aus dem Jahr 1811, Beethovens Egmont-Ouvertüre, die während der Tage des Volksaufstandes Symbolcharakter erlangte sowie - pflichtgemäß - je ein Werk von Kodály und Bartók.
Das Budavárer Te Deum und die Cantata profana, die dem Namen und dem
Komponisten nach gar nicht recht in die Kirche passen will. Draussen, auf der Kärntnerstrasse sangen blinde Rumänen, spielten heruntergekommene
ungarische Zigeuner, hüpften junge slowakische Rapper, hier spielte die Cantata profana und die Menschen um ihr Leben. Da war nichts mehr zu
sehen von Mitleid und Nächstenliebe, wie sie in Österreich vor 50 Jahren geherrscht haben sollen. Dem ungarischen Dankesreigen für 1956 ist nun -
Gott sei Dank - ein Ende. Und für alle Zeit und Not ins Heute zurück zu kehren.
M.S., Wien
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