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Grenzenloses von Wien bis Budapest

Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 DEZEMBER 2006 / KULTUR

 

Buchbesprechung

„Wer wischt den königlichen Hintern aus …?"

Österreich und Ungarn - ohne Sentimentalitäten
 

Inmitten einer liebenswürdigen, doch von der historischen Wahrheit weit entfernten k.u.k.-Nostalgie - mehr in Budapest als in Wien - erschien jetzt eine der besten Darstellungen dieser Zeit: "Kanzler, Krisen, Katastrophen - Die Erste Republik" von Günther Steinbach.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs war bald klar, dass die Monarchie Österreich-Ungarn in ihre Einzelteile zerfallen würde. Die Bevölkerung des Landes musste sich zum ersten Mal mit Republik und Demokratie praktisch vertraut machen. Der Autor Günther Steinbach erzählt spannend und gut lesbar über die Brennpunkte dieser Epoche: die Ausrufung der Republik, der Justizpalastbrand, Bürgerkrieg '34, Auslöschung Österreichs von der Landkarte. In 13 Szenarien zeigt er anschaulich die wichtigsten Entwicklungen dieser 20 bewegenden Jahre.

Wie wenig die monarchistischen Nostalgiker recht haben, zeigt Günther Steinbach bereits im Prolog seines Buches über die Doppelmonarchie: "Es war eine schwerfällige Konstruktion. … Ein wenig geschmackvoller Sager, der in Ungarn umlief, beleuchtet die Einstellung der Ungarn zur Doppelmonarchie. 'Wer wischt dem König von Ungarn den Hintern aus, wenn er aufs Häusel geht?' wurde da gefragt, und die Antwort hieß: 'Der Kaiser von Österreich.’"

Österreich, wobei es diese Bezeichnung nach 1918 noch gar nicht gab, erwuchs aus der labilen Konstruktion von "Cislethanien" (diesseits der Leitha) und durfte nicht einmal auf einen würdigen Untergang hoffen. Die Nationalitätsstreitigkeiten der Übriggebliebenen schienen jede zentralistische Staatsbildung zu verhindern.

Steinbach, der studierte Jurist und mehr als nur passionierte Historiker, folgte in seinem Buch systematisch den Spuren der Ersten Republik Österreichs vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Auslöschen Österreichs 1938.

Für unsere ungarischen bzw. an Ungarn interessierten Leser ist vor allem das Kapitel "Konsolidierung", wo auch die Entstehungsberichte des Burgenlandes beschrieben wird, besonders wichtig. Das, was für die Ungarn Trianon war, hieß für die Österreicher St. Germain, wo unter anderem Deutschwestungarn Österreich zugesprochen wurde. Dazu der Autor: "Aber Ungarn, das nach den Bestimmungen des Friedensverrates zwei Drittel seines Staatsgebietes verlieren soll, hat gegen die Abtretung Deutschwestungarns von Anfang an Widerstand geleistet."

 

"Massive Manipulationen"

Ungarn bietet Österreich einen Kompromiss an; es ist bereit, die größten Teile Deutschwestungarns zu räumen, wenn sie Sopron (Ödenburg) erhalten können. Das wiederum will Wien nicht akzeptieren. Auf Druck Italiens, das von Anfang an große Sympathien für Ungarn zeigte, willigt die österreichische Regierung, wenn auch zähneknirschend, einer Volksabstimmung über das künftige Schicksal des Soproner Gebietes zu. Am 14. und 15. Dezember 1921 erfolgt dann die Volksabstimmung.

Die Volksabstimmung geht ziemlich eindeutig aus. Die Mehrheit, wenn auch nicht ohne "massive Manipulationen" (Steinbach), entscheidet sich für Ungarn. Den größeren Rest Westungarns hat das österreichische Bundesheer bereits im November 1921 besetzt. Wenige wussten bis jetzt, außerhalb des Burgenlandes, wie dieses jüngste Bundesland Österreichs seinen Namen erhielt. Steinbach lüftet das Geheimnis: Karl Renner, Staatskanzler und späterer Bundespräsident Österreichs, ist der eigentliche Namensgeber. Er benützte dazu die gemeinsamen Endsilben der deutschen Namen der vier ungarischen Komitate: Pressburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg.

Günther Steinbachs Verdienst ist es, das tragische Schicksal der Ersten Republik, über die Wirren des Bürgerkriegs (1933/1934) bis zum katastrophalen Ende Österreichs durch Nazi-Deutschland ("Anschluss") sehr plastisch, zwar detailreich, doch sehr gut lesbar nachzuzeichnen. Der Name "Österreich" wurde von den Nazis ausgelöscht und damit nahm die große Tragik der Juden und der Nazi-Gegner dieses Landes einen entsetzlichen Anfang. Zunächst hieß das Land "Ostmark", bis auch dieser Name vom "vereinten" Reich eliminiert wurde und es nur mehr sieben, direkt Berlin untergeordnete "Reichsgaue" gab.

Der letzte Satz dieses ausgezeichneten Buches spiegelt eindrucksvoll die Nazi-Ideologie wider: "Österreich - das soll endgültig und unwiderruflich Vergangenheit sein."

Heute sind die beiden EU-Länder Österreich und Ungarn ehrliche Partner - und das ganz ohne kitschige k.u.k.-Sentimentalität.

Peter Stiegnitz

Günther Steinbach
Kanzler, Krisen, Katastrophen
Die Erste Republik
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
336 Seiten, Leinen m. Schutzumschlag
EUR 24,95 / sFr 43,70
ISBN 3-8000-7174-6

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