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 DEZEMBER 2006 / GESCHICHTE


Das Mordfest auf Schloß Batthyány

Erweiterte Grabungen der Uni Wien und des österreichischen Innenministeriums sollen die Gräber von rund 180 ermorderten ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern im südburgenländischen Rechnitz offenlegen
 

Schloß Batthyány im burgenländischen Rechnitz

Am 24. März 1945 wurden 600 ungarische Juden von Güns (Ungarn) per Bahn nach Burg (Burgenland) transportiert, wo sie beim "Südostwallbau" als Zwangsarbeiter eingesetzt werden sollten. 200 der deportierten, völlig erschöpften Menschen wurden jedoch wieder zum Bahnhof Rechnitz rückgeleitet, da sie für den Arbeitseinsatz teils zu krank, teils körperlich zu stark geschwächt waren. In der Nacht darauf wurden rund 180 dieser Juden von Teilnehmern des im Schloß Bátthyány abgehaltenen Kameradschaftsfestes (Gefolgschaftsfest) beim sogenannten Kreuzstadel in Rechnitz ermordet. Zu den "Festgästen" zählten die "zuverlässigsten Getreuen des nationalsozialistischen Systems" , darunter unter anderem Franz Podezin, Ortsgruppenleiter von Rechnitz , Funktionäre der Kreisleitung (zwei davon wurden später angeklagt) und die Mitarbeiter der Leitung des "Südostwallbaus", unter ihnen die Sekretärin von Podezin (die spätere Angeklagte Hildegard Stadler). Ebenfalls anwesend waren Graf und Gräfin Batthyány, welche ihr Schloß für das Fest zur Verfügung stellten, und deren Gutsverwalter. (Quelle: Prozessakten des Landgerichts Wien - LG Wien Vg 11d Vr 190/48).


Gräfin Batthyány als Fluchthelferin für Massenmörder?

Dem Beweisverfahren zufolge wurden die Menschen von Franz Podezin und ungefähr weiteren neun Personen ermordet. Notdürftig verscharrt wurden sie vom späteren Angeklagten Ludwig Groll und einer zweiten Person. Am Abend des darauffolgenden Tages (25. März 1945) wurden beim Schlachthaus ungefähr weitere 18 Gefangene ermordet, welche am selben Morgen Totengräberdienste geleistet und sich seither unter Bewachung beim sogenannten Kreuzstadel befunden hatten. Der Prozess gegen die Hauptverdächtigen verlief 1948 im Sande. Zwei Zeugen sind kurz vor Einstellung der Verfahren ermordet worden. Ein Dokumentarfilm verfolgte unter dem Titel "Totgeschwiegen" die weiteren Ereignisse: Im Juli 1962 wendet sich das Bundesministerium für Justiz in Wien allerdings noch einmal an das Bundesministerium für Justiz in Bonn. Am 2. Januar 1963 1.63 schreibt der Amtgerichtsrat Opitz, Ludwigsburg zu dem Fall:

"Da Podezin sehr enge Beziehungen zur Gräfin Margit Batthyány, der Ehefrau des seinerzeitigen Besitzers des Schlosses unterhält, besteht der Verdacht, daß sie sowohl Oldenburg (ehemaliger Gutsverwalter, Anm.) als auch Podezin bei ihrer Flucht nach West-Deutschland behilflich war und sie in einem Unternehmen der Familie Thyssen untergebracht hat ." Gräfin Batthyány ist übrigens die Tochter des Großindustriellen Heinrich von Thyssen-Bornemisza. In früheren Jahrhunderten stellte die Familie die in der Region ansässigen Juden ausdrücklich unter ihren Schutz...

 

Am 13.5.1963 schreibt Podezin aus Basel an Oldenburg in Obrighoven, Kreis Rees, er sei wegen eines Strafverfahrens flüchtig und habe vergebens versucht, über Kairo zu entkommen. Er bitte daher ihn und die Gräfin , ihm die für eine Flucht nach Südamerika erforderlichen Geldmittel zur Verfügung zu stellen, andernfalls er veranlassen werde, dass die Presse Oldenburg und die Gräfin "durch den Schmutz ziehen" und über "Spitzeldienste und so weiter" der Gräfin berichten werde. Im November 1963 wird Podezin in Pretoria/Südafrika zuletzt gesehen gesehen. Das Schloß brannte 1945 ab, die Gräfin Batthyány widmete sich auf Gestüt Erlenhof bei Bad Homburg, einem Gut der Familie Thyssen, der Pferdezucht, machte sich im Galoppsport einen prominenten Namen und lebte unbelästigt in Wohlstand und gesellschaftlicher Anerkennung.

 


Grabsuche mit neuen Forschungsmethoden

In Rechnitz im Südburgenland haben Anfang Dezember erneut Grabungen nach dem Massengrab dieser Opfer der Nationalsozialisten begonnen, wie die Online-Ausgabe von "Die Universität" mitteilt. Das Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien nahm, unter der Leitung des Innenministeriums, Bodenuntersuchungen vor. Durch ein neu entwickeltes, multimediales Informationssystem in Form einer Datenbank konnten die Forscher das zu untersuchende Gebiet jetzt erheblich eingrenzen.

Trotz mehrmaliger intensiver Suche wurde das Massengrab bis heute nicht gefunden. Ende der 1990er Jahre übernahm das Institut für Geographie und Regionalforschung die wissenschaftliche Arbeit für die Suche. Konkret wurde Robert Peticzka mit bodenkundlichen, sedimentologischen Untersuchungen zur Auffindung der jüdischen Kriegstoten betraut. Das Projektteam arbeitet mit einer enormen Fülle von Informationen und Daten, darunter Zeitzeugenaussagen inklusive händischer Skizzen und Luftbilder der Besetzungsmächte sowie Auswertungen unzähliger vorangegangener Grabungen.

Die in Frage kommende Fläche hat eine Größe von rund 15 Fußballfeldern. Da nicht alles aufgegraben werden kann, ist eine Einschränkung des Gebietes notwendig. Basierend auf den vorhandenen Daten und eigenen Untersuchungen, etwa Bodenradarbildern, schauten sich Robert Peticzka und sein Team den Boden bis in eine gewisse Tiefe an. Ist da was zu finden? Vorweg: Zur konkreten Position des Grabes gibt es noch keine Erkenntnisse, aber gefunden und gesammelt sind eine Menge Daten, die für die Verortung desselben notwendig sind. Deren bestmögliche Aufbereitung war eine Herausforderung, die eine Optimierung der erneuten Suche, die diese Woche begonnen hat, ermöglicht. "2002 haben wir die KollegInnen der Kartographie hinzugezogen und sie gebeten dabei zu helfen, ordnerweise Rechnitz-Daten handhabbar zu machen", erzählt Peticzka.

 

Nachsondierungen auf Grund neuer Informationen

Durch die Kombination der räumlichen und thematischen Analysen gewinnen die ForscherInnen neue Informationen bezüglich der Lage des vermuteten Massengrabes. Da die Kosten für eine ausgedehnte Exploration sehr hoch sind, wird genau abgewogen, wo es sich lohnt, Arbeiten durchzuführen. Indem Peticzka, Kriz und ihr Team die vorliegenden Daten und Untersuchungen zusammenspielen, können sie jene Flächen ausschließen, die nicht in Frage kommen. Die Datenerhebung ist soweit abgeschlossen. Bei Flächen mit Verdachtsmomenten gibt es jetzt Nachsondierungen, diese haben in der zweiten Dezemberwoche mit einem erweiterten Team von ArchäologInnen in Rechnitz begonnen.

Marco Schicker
 

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