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DEZEMBER 2006 / KULTUR
Das kleine Glück des Bakteriums
im Darmtrakt der Termite
René Pollesch: "Das purpurne Muttermal" - UA am Wiener Akademietheater
Fragen der Unendlichkeit auf die Endlichkeit einer Bühne zu proijezieren und Fragen der Ewigkeit in die zeitliche Begrenztheit einer Theatervorstellung zu
zwängen, ist die Quadratur des Kreises am Theater. Eine besonders ausufernden Bessesenheit bei dieser dramatischen Geometrie legt seit Jahren der
Autorenregisseur Pollesch an den Tag. René Pollesch ist Wiener, geboren im Körper eines Hessen. Den Beweis dazu trat der Bühnenautor und Regisseur jüngst
mit "Das purpurne Muttermal" (UA am 26. November 2006) im Wiener Akademietheater an. Seine apostrophierende Verschmelzung von großem
Lebenskino mit dem Irrsinn der tagtäglichen Nichtigkeiten zu einer Art exestentailistischem Überschmäh-Boulevard macht ihm selbst das für seine
Psychonabelschauen berüchtigte Theaterwien nicht so schnell nach.
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Pollesch: Das purpurne Muttermal, am Akademietheater
Foto: Burgtheater
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Nur die selbst für ihn nicht ignorierbaren Grenzen von Raum und Zeit geben dem Gerappel, der "Verwechslungskomödie über die Trennung von Körper und
Seele" seiner, nun, nennen wir sie Figuren, eine gewisse Fassbarkeit und den Stücken eine Form oder zumindest ein provisorisches Ende. Wir sollten den
Naturgesetzen an dieser Stelle dafür dankbar sein. So ganz sicher ist indes nicht, ob das Bühnenpersonal nicht nachts einfach weiter aufeinander einlabert, denn dies scheint konzeptioniert zu sein.
Ob die Produktion des Herrn Pollesch von vier bis sechs Theaterstücken pro Jahr ein ergiebiger Glücksfall oder einfach nur der manische Fließbandwahn einer
verrückt gewordenen philosophischen Registrierkasse ist, sei dahingestellt, jedenfalls ist an diesem Stück fraglich, ob die eineinhalbstündige Beweisführung
darüber, daß ein parasitäres Bakterium im Darmtrakt einer Termite, im Vergleich zu uns das plan- und damit sinnvollere Dasein führt, wirklich ein Theaterstück ist
oder nicht doch eher ein berechnend in die Länge gezogener Gag. Dann hätte das ganze immerhin Ironie. Es sind auch ungefähr zwanzig sehr pointierte Sätze in
dem Stück, die, wenn man sie sich auf der Zunge zergehen lassen dürfte, jeder für sich ein eigenes Theaterstück ergäben. Es ist zu fürchten, daß sie alle noch zu einem Theaterstück werden.
Nun ist es zwar längst nicht mehr modern, jedoch immer wieder Mode, Texte zu fragmentieren, Figuren nur anzudeuten, Handlungen zu vermeiden, sie zu
zerreden. Das ist so lange witzig, neu und toll, bis ein Zuschauer einmal die Frage aufwirft, warum wir uns eigentlich die gedanklichen Irrgärten, also die Skizzen,
die bestenfalls zu einem Theaterstück führen, als fertiges Stück verkaufen lassen sollen. "Sieh, der Kaiser ist ja nackt!"
Es mag einer kleinen Szene gewisse
voyeuristische Reize verschaffen, einem Kollegen bei der Arbeit zuzusehen, doch im Endeffekt ist es so, als käme aus der Restaurantküche kein zubereitetes Gericht,
sondern lediglich ein rohes Stück Fleisch mit einem freundlichen Brief des Kochs, auf dem er darlegt, was er unter Umständen zuzubereiten in der Lage wäre, man es aber als
Geschäftspolitik betreibe, die Fantasie des Gastes keineswegs durch Festlegungen einschränken zu wollen. Übertragen auf das am anderen Ende der intellektuellen Nahrungskette werkelnden Theatervolk, hier
René Pollesch, wäre also festzustellen, dass man uns mit halbverdauten Lebensweisheiten befrachtet, die besser in einer Vorbesprechung
zwischen Dramaturg und eigentlichem Autor verblieben wären. Auch wenn es sich dabei um ein und dieselbe Person handelt, wir wünschen nicht, daß uns der Gemüselieferant die Steaks grillt.
Ein wirklicher Glücksfall hingegen ist die Tatsache, daß Herr Pollesch seine Stücke, oder Stückchen, mit Vorliebe selbst inszeniert, also irgendwie dann doch
glücklich und unterhaltsam zusammenfügt. So darf sich der Zuschauer immerhin sicher sein, daß die Wirrniss im Sinne des Schöpfers, also gewollt war.
"... bei dem Versuch soziale Wesen zu imitieren, trotzdem an dem diffusen Bereich festzuhalten, der scheinbar allen zugänglich ist, und vor dem alle gleich
sind: der Liebe" (Pollesch), siegte "Lächerlichkeit und Selbstzerstörung" und blieb die Liebe auf der Strecke. Nicht als Konsequenz der Handlung, nicht als Fabel, -
sie wurde beim Kaffeeklatsch des Anstaltspersonals ganz einfach zerquatscht oder auf dem Operationstisch des Textdichters vergessen. Kann mal vorkommen. Schreibt er es eben andermal auf.
Im Rausch der Tiraden, Wortschlangen und -torturen, die sich sinnenleere, aber pathologisch exaltiert schwallende Gestalten wie Fensterkitt in die aufplatzenden
Fugen ihrer Persönlichkeitsspaltungen kleistern, wanken wir mit unseren Ichs und all den kleinen Ichleins von der Bühne, sehen wir irgendwann kichernd, von
Text besoffen, den Vorhang zu, und alle Wunden offen.
Marco Schicker
Darsteller: Sachiko Hara, Caroline Peters, Sophie Rois, Daniel Jesch, Hermann Scheidleder, Stefan Wieland, Martin Wuttke
Weitere Vorstellungen: 15., 21., 29., 30. Dezember 2006 und 2., 5. Januar 2007
Informationen und Karten: www.burgtheater.at
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