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Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 NOVEMBER 2007 / MEDIEN

 

Wir sind (wieder) Kaiser...

... wenn auch nur donnerstags für 40 Minuten. Manche denken tatsächlich, es handele sich dabei um eine Kabarettshow.
 

Frage: Hatten Sie kein Problem damit, dass Dollfuss (öst. Bundeskanzler 1934, Anm.) das Parlament auflöste, Parteien und Gewerkschaften verbot?

Otto Habsburg: Überhaupt keines. Wenn es ums Land geht, bin ich zu jeglicher Sache bereit.

Aus einem Interview für "Die Presse"
vom 10. November 2007


Es hatten ja viele schon vermutet. Österreich spielte immer nur Demokratie. Irgendwann, so munkelte man an Stammtischen und in den Kaffehäusern, irgendwann wird sich jemand vor das Volk stellen und rufen: "Übung beendet!", damit alles wieder seinen kaiserlich-königlichen Gang gehen kann. "Das Bedürfnis nach einer höheren Macht ist in Österreich offenbar immer noch vorhanden gewesen", sagt Robert Palfrader, Darsteller des Robert Heinrich I.,  Kaiser von Österreich zu seiner TV-Show im staatlichen österreichischen Fernsehen.

Noch vor Weihnachten werden die Schlagbäume zwischen Österreich, Ungarn, der Slowakei und Tschechien endgültig fallen. Zwar nennt man es "Schengen", doch in Wirklichkeit ist es nichts weniger als die Wiedereinsetzung der Herrscherfamilie in ihre gottgegebenen Rechte, die Wiedererstehung des Kaiserreiches.

Es ist ein bißchen wie "Des Kaisers neue Kleider", nur mit dem Unterschied, daß hier der Kaiser auf seine Untertanen zeigt und ruft: "Seht, Ihr seids ja nackert..."

Die Kabarettshow dient als temporäres Ablenkungsmanöver, bis alle wieder auf ihrem Posten sind. Nicht wenige bezweifeln, daß die Monarchie jemals wirklich abgeschafft war. Am wenigsten umstellen müssen sich dabei die Beamten, denn die haben sich auch 1918 nicht umstellen lassen. Sie sind der Garant für eine reibungslose Rückkehr in die Glückseligkeit Kakaniens. Ja überhaupt hatte man hierzulande nie so ganz eingesehen, wozu man eine Machtstruktur, die ohnehin autokratisch regiert auf so viele Schultern verteilen soll. Es gab für Demokratie in Österreich weder je einen vernünftigen Grund, noch den Bedarf. Dazu hätte es keines fast achtzigjährigen Experiments bedurft.

"Es ist ja immer das Gleiche. Nichts ist so gefährlich in der Politik wie jemand, der Komplexe hat."
(Otto Habsburg, 2007)

Dabei möchte ER ein volksnaher Kaiser sein und hält Audienz im ORF, der schon immer sehr aristokratisch daherkommenden Kabinettskanzlei auf Schloß Küniglberg. Bei den vor jubelnden Volksmassen im "ehemaligen" Haus der Industrie abgehaltenen Tribunalen huldigen ihm die Stände in Form von besonders prominenten Zeitgenossen, die sich bei Robert Heinrich I. Rat und Tat, manchmal auch mahnenden Tadel einholen, verbunden aber immer mit der tiefsorgenden Liebe, wie sie nur einem himmelsgesandten Völkervater zu eigen ist. Ein Obersthofmeister namens Seyffenstein sorgt für die Einhaltung der Etikette und die Erfüllung sämtlicher Wünsche ihrer Majestät sowie dafür, dass ein lästiger Baumeister namens Lugner von IHM ferngehalten wird. Es ist ein bißchen wie "Des Kaisers neue Kleider", nur mit dem Unterschied, daß der KAiser auf seine Untertanen zeigt und ruft: "Seht, Ihr seids ja nackert..."

In Prag sprach man plötzlich tschechisch und die Ungarn hatten eine eigene Fußballmannschaft.

 Was waren das doch für plagend schwere Zeiten in den vergangenen 79 Jahren ohne Monarchen. Die Adelstitel waren verboten, man mußte sich mit Doktoren-, Ingenieurs, oh, gar Magistertiteln aushelfen, um nicht in völliger sozialistischer Gleichmacherei, ergo Bedeutungslosigkeit zu versinken. Zum Glück behielt man sich die Hofräte, so daß es nun bei der Restitution nicht zu einem Durcheinander kommen kann. Es gab eine Regierung und ein Parlament, daß nur sich selbst auflösen konnte, angeblich gab es sogar Pressefreiheit(!), doch ein Blick an die Kioske widerlegt diese waghalsige Behauptung durch bunte Einfalt. Ein Deutscher leitete das k+k Burgtheater, eine Frau, die nicht Sisi hieß, erhielt den Nobelpreis - ausgerechnet noch - für Literatur. In Prag sprach man plötzlich tschechisch und die Ungarn hatten eine eigene Fußballmannschaft. Die Wiener standen vor einem Trümmerhaufen: eine riesige Oper, Dutzende Lippizaner und so viel Berge und Schnee - alles nur für ein Rumpfvolk von gerade 8 Millionen?

Freilich gibt es auch heute noch Zweifler. Alles sei doch nur ein Mediengag, ein quotenbringender Einfall des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Doch dagegen sprechen deutlich zwei Argumente: Erstens. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hatte noch nie einen quotenbringenden Einfall. Und zweitens: Otto von Habsburg, Chef der alten Herrscherfamilie und quasi Inhaber der Markenrechte an k+k hat nichts Gegenteiliges unternommen, die tausendjährigen Corporate Identity ging nahtlos auf den neuen Kaiser Robert Heinrich über. (Bei Robert und Heinrich handelt es sich übrigens um den vierten bzw. neunten Taufnamen Ottos) Wahrscheinlich hat er sich zu seinem 95. Geburtstag am 20. November selbst ein Geschenk gemacht und den jungen Mann aus dem Fernsehen einfach adpotiert. - Einer mußte eben doch ein Opfer bringen für ein Felix Austria!

Marco Schicker

Foto: ORF

 

 

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