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DEZEMBER 2007 /
KULTUR
Sehenswertes Leichenbegängnis
Eine Ausstellung in Wien widmet sich dem morbiden Charme der Industrieruinen Osteuropas
Alles was ensteht, ist wert dass es zu Grunde geht. Dieser - zugegeben oft strapazierte - Satz Fausts trifft die Grundstimmung der Ausstellung
"STILLGELEGT - Industrieruinen im Osten" des Fotografen Christoph Lingg. Mehr als 80 groß- und kleinformatige Bilder "zeugen", laut Pressetext, "vom
Kampf rostenden Stahls gegen die zersetzende Kraft der Natur." Diese Beschreibung genügt aber nicht. Der Fotokünstler reiste ja bestimmt nicht
durch 14 Länder des Ostens bis nach Asien - von Aserbaidshan über die Gebiete der ehemaligen DDR, auch nach Ungarn bis in die Mongolei - und
besuchte 120 Industriebetriebe, um abrissreife Industrieruinen zu sehen. Dafür hätte ein Ausflug nach Südmähren genügt.
Ein abstruses, sehenswertes Leichenbegängnis
Er besuchte vielmehr die sterblichen Überreste eines Systems und machte Momentaufnahmen eines Verwesungsprozesses, der hinter der Oberfläche
eines morbiden Charmes des Verfalles die Geschichte von Menschen andeutet. Menschen, die zum Teil in eine neue Zukunft aufbrachen, zu einem viel
größeren Teil aber genauso brach liegen und mitsterben wie ihre ehemaligen Produktionsstätten. Deren Schicksal ist universell und vergleichbar, so wie es
die Mechanismen von Mächten und Märkten auch sind. Interessant ist, dass die Bauruinen in ihrem Verfall eine gewisse Würde ausstrahlen, eine Würde die
man ihnen - im Unterschied zu den Menschen - offenbar nicht nehmen konnte. "Fundstücke" wie Postkarten, Briefmarken, Zündholzschachteln, Geldscheine,
Propagandaposter, ein Video und Jazzmusik ergänzen die Ausstellung wie Grabbeigaben und bilden zusammen ein abstruses, sehenswertes
Leichenbegängnis, von dem gewiss ist, dass es nicht das letzte seiner Art gewesen sein wird.
Marco Schicker
Christoph Lingg STILLGELEGT Industrieruinen im Osten bis 7. Januar 2008, täglich 10-18 Uhr Leopold Museum, Museumsquartier 1070 Wien, www.leopoldmuseum.org
Foto: Leopold Museum
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