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JANUAR / FEBRUAR 2008 / MEDIEN
Publizistischer Zusammenprall
Warum man bald an Österreichs Kiosken den Pester Lloyd zusammen mit dem Völkischen Beobachter kaufen kann
Einen publizistischen Zusammenprall der besonderen Art wird es ab 6. Februar
in Wien geben. Dann können die Wiener an ihren Trafiken nämlich neben ihrer "Krone" und dem "Kurier" auch wieder den "Völkischen Beobachter" und - im
gleichen Heft - den "Pester Lloyd" von 1938 kaufen.
Es handelt sich dabei um Faksimilie-Drucke der Originalausgaben aus der Zeit der "Volksabstimmung" nach dem Anschluss
Österreichs. 70 Jahre nach diesem, zumindest in Österreich immer noch in seiner historischen Bewertung umstrittenen Ereignis, bemüht sich ausgerechnet ein britisches Verlagshaus namens Albertas
Limited um Aufklärung durch Originaltexte.
Mit den Worten: "Was hat die Bevölkerung damals gewusst, was hat sie nicht gewusst"
laufen seit Wochen TV-Werbespots auf den österreichischen Kanälen für dieses "NachRichten" benannte Projekt. Begleitet wird die, im Januar mit einer ersten
Ausgabe über den Einmarsch deutscher Truppen gestartete wöchentliche Edition, durch Begleittexte ("Lesehilfen") von Historikern der Universität Wien und illustriert durch historische Fakten.
"NachRichten wird Publikationen aus Wien, den Bundesländern und der im Exil
lebenden Österreicher, sowie auch Schriften aus anderen deutschsprachigen Ländern und Dokumente aus dem Widerstand beinhalten." Und an dieser Stelle
kommt auch der Pester Lloyd ins Spiel, denn die Gegenüberstellung, ausgerechnet mit dem "Völkischen Beobachter" ist schon erklärungsbedürftig.
In Ungarn konnte sich 1938/39, trotz des immer repressiver werdenden
Regimes von Reichsverweser Miklós Hórthy, noch eine teilweise unabhängige Presse behaupten. Der europaweit renommierte Pester Lloyd spielte darin als
deutschsprachige Zeitung eine Sonderrolle, gewährte er doch seit 1933 und noch bis Ende 1938 verfolgten Autoren aus Deutschland und Österreich publizistisches Asyl.
Noch 1936 veröffentlichte Thomas Mann, trotz massivster Proteste der deutschen Gesandtschaft, exklusive Artikel wie "Der
Humanismus und Europa" und "Achtung, Europa!". Vom März bis Ende 1938 verabschiedeten sich im Pester Lloyd u.a. Felix Salten, Stefan Zweig und Joseph Roth
mit bewegenden Beiträgen von den Lesern und gingen ins Exil. Der Pester Lloyd war also in diesem Sinne das letztes Asyl des Humanismus der Region.
Die 1854 gegründete und vom einstigen Ungarischlehrer Königin Elisabeths, Max Falk, mit Unterstützung des ehemaligen
k.u.k-Außenminsiters Graf Julius Andrássy zu hohem Ansehen gebrachte Zeitung, hatte sich einen Ruf als liberal-konservatives, vor allem aber patriotisches Blatt
erarbeitet von dem es jetzt profitierte. Die in der Mehrzahl bürgerlich-jüdischen Redakteure empfanden, obwohl deutschsprachig, in erster
Linie ungarisch. Der erste christliche Chefredakteur der Dreißiger und frühen Vierziger Jahre, Georg von Ottlik, verteidigte mit großem persönlichen Mut die
freiheitlichen Grundrechte und brandmarkte noch Ende 1938 die Judenhetze als "dem Ungarntum unwürdig".
Doch auch in Ungarn kamen 1938 und 1939 "Judengesetze" und eine Verfolgung
Andersdenkender zur Geltung, die zuerst Quotierungen später Berufsverbote zeitigten. Viele der freidenkenden Redakteure mussten fliehen oder gingen ins
innere Exil, etliche wurden nach dem Einmarsch der Deutschen 1944 unter eifriger Mithilfe ungarischer Faschisten (Pfeilkreuzler) nach Auschwitz
deportiert und der Pester Lloyd verkam, geleitet von Oetze von Lobenthal, einem Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums, zu einem Propagandainstrument der Nazis.
Anfang 1945 wurde die Zeitung eingestellt, seit 1994 gibt es den Pester Lloyd
wieder als Wochenzeitung, die an die humanistischen Traditionen ihrer Vorgängerin anknüpft.
m.s.
Die 52 Ausgaben von "NachRichten" werden zum Einzelverkaufspreis von €
3,90 pro Ausgabe oder € 3,30 im Abonnement angeboten. Die Zeitungen werden in ihrem Inhalt die chronologische Reihenfolge beibehalten. Die
erste Ausgabe befasste sich mit den Ereignissen im März 1938, die letzte Ausgabe wird mit der Befreiung durch die Aliierten im Mai 1945 enden.
NachRichten ist österreichweit in über 8.000 Trafiken erhältlich. Abo-Bestellungen sind über die Telefonnummer 0800-22 21 20 (Mo.-Fr. 9.00 – 17.00 Uhr) oder über die Homepage www.nach-richten.at möglich.
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