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Grenzenloses von Wien bis Budapest

Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

APRIL 2008 / GESELLSCHAFT

Wenn der Ball rollt, rollt der Rubel

Die Fußballeuropameisterschaft EURO 2008 wird für die österreichischen Mit-Gastgeber zumindest auf wirtschaftlichem Gebiet zu einem Erfolg. Doch wer verdient wirklich an dem Großereignis? Mangelnder Enthusiasmus und überbordende Bürokratie bremsen, entgegen offizieller Hurra-Parolen, immer noch den Enthusiasmus der Gastgeber.

Man könnte meinen, dass es Österreich, vor allem Wien, bei der Auslosung zur EURO 2008 besonders hart erwischt hat. Die vorlauten und zudem noch geizigen Piefke-Erzfeinde und dazu die "armen" Polen und Kroaten werden ins Happel-Stadion und in die Hauptstadt kommen. Hoteliers und Gastronomen fürchten nun, dass sie auch gleich nach dem - wahrscheinlich jeweils gewonnenen - Spiel wieder abreisen könnten, so weit weg vom Spielort wohnen sie schliesslich nicht, jammert so mancher. Auch Sicherheitsbedenken und alte Vorurteile vermiesen den Wienern die Freude auf die Kurzzeitgäste. Komisch nur, dass schon seit Monaten in der ganzen Stadt für die Zeit der EURO so gut wie keine Zimmer mehr zu kriegen sind, nichtmal mehr sehr teure. "Der Wiener ist nicht glücklich, wenn er nicht jammern kann." (K.Kraus)

Die Hoteliers in Salzburg und Tirol sind hingegen wirklich stinksauer. Keiner versteht, warum gerade vor der Fußball-EM die Ausstellung von Touristen-Visa für russische Gäste verkompliziert worden ist. "Wir begrüßen ja die Maßnahmen gegen illegal Einreisende. Aber ausgerechnet kurz vor der Fußball-EM die Visa-Ausstellung zu verzögern, ist nicht das Gelbe vom Ei. Wir erwarten Tausende russische Gäste", so beklagt sich der Vorsitzende des Österreichischen Hotelverbandes Salzburg, Veit: "In ganz Salzburg-Land haben Russen Zimmer gebucht. Nun werde deren Anreise verkompliziert und verlangsamt, vielleicht sogar verhindert...".

Russische und ukrainische Gäste geben pro Einkauf um die 480,- Euro je Einkauf aus, haben Konsumforscher ermittel, während der "normale" Gast "nur" 292 hinlegt. Auch bei der Aufenthaltsdauer orientieren sich die Russen nicht am Durchschnitt, die 780.000 Russen, die letztes Jahr Österreich besuchten, bleiben im Schnitt eine Nacht länger als die anderen. In Tirol ist man besonders ängstlich und befürchtet "massive Konsequenzen der unausgegorenen Handlungsweise" 2007 wurden 328.503 Nächtigungen in Tirol aus russischen Börsen bezahlt: "Das sind 41,8 % aller Nächtigungen von Russen in Österreich - und das noch ohne Spiel der russischen Nationalmannschaft!" freut, droht und ängstigt sich der Tiroler Vorsitzende des ÖHV, Furtner: "Da kann der Bürokratie-Auswuchs sehr unangenehme Folgen haben". War wohl ein schlechtes Timing, dass der Prozess um die jahrlange Affäre wegen der Ausstellung insgesamt tausender illegaler Visa an den österreichischen Botschaften in Kiew, Belgrad und Budapest - und wer weiss wo noch - gerade jetzt stattfinden musste. Das Außenamt und die Botschaften sind nun begreiflicherweise besonders gründlich. - Ganz so schwarzmalen sollten die Tiroler und Salzburger Herbergsväter ihre Situation aber doch nicht, schliesslich haben sie mit den Schweden und Spaniern eigentlich ein gastronomisches Glückslos gezogen.

Doch zurück nach Wien. Wer verdient hier eigentlich Geld? Keine Frage, für Infrastruktur und Stadienbau war die Vergabe der EURO ein Segen. Doch diese Gelder sind längst vergeben. Unbestritten aber schwer messbar ist auch der Imageeffekt für das Land als Urlaubs- und Investitionsstandort. Und sonst? Die 1,2 km Fanmeilen rund um Ringstrasse (bis zu 200.000 Fans) und Heldenplatz (allein hier gibt es neun Leinwände für 70.000 Zuschauer) sind abgezäunt, knapp einhundert genormte Stände werden vermietet, wobei sowohl die Biersorte als auch die Preise von UEFA und Lizenzgebern vorgeschrieben werden. Astronomische Summen für die Marktstandgebühren kursieren. Jeder dort wird seinen Schnitt machen, das ist sicher, das Los entscheidet, wer dazu gehört.

Warum man aber den fahrenden Marktstandlern seitens der Magistratsabteilung untersagt hat, ihre Stände Am Hof oder auf der Freyung im gesamten Juni aufzustellen, versteht niemand so richtig. Überhaupt toben schon seit Monaten heftige lokalpolitische Grabenkämpfe um Sperrstunden, Verkehrssperungen, Lärmschutz, Riesenradverkleidungen und vieles mehr, der mehr über Innerwienerische Befindlichkeiten als über tatsächliche Organisationsprobleme sagt. Die ÖVP beschuldigt die "allmächtige" Wiener SPÖ, die den Bürgermeister stellt, der Unfähgikeit. "Die Roten wiederum" schiessen sich auf "schwarze" Bezirksvorsteherin des 1. Bezirks ein. Bürgerversammlungen werden abgehalten. Die Stunde der Populisten ist gekommen. Alle wollen gute Gastgeber sein, alle wollen Spass haben und verbreiten, aber alle wollen bitte auch ihren angestammten Parkplatz behalten.

Auch das seit der WM 2006 in Deutschland zum Massenphänomen und Massengeschäft gewordene "Public Viewing" hat so seine Tücken: Ist die Bildschirmdiagonale größer als 3 Meter - undas sollte sie ja schliesslich sein, benötigt der Veranstalter nicht nur eine teure UEFA-Lizenz (6 EUR/Quadratmeter und Spiel), sondern muss zudem auch noch Gebühren an die Inhaber der Fernsehrechte abdrücken und sich allen Werbe- und Ausschankregeln des Fußballverbandes unterwerfen. Das werden sich einige Schanigartenbesitzer noch überlegen. Immerhin die Mediamärkte dürfen sich freuen. Eine Umfrage hat ergeben, dass rund jeder dritte Befragte sich vor der EM noch einen neuen Fernseher anschaffen will. Viele Branchen, von Sportwettenanbeitern über Sicherheitsdienste bis hin zu Souvenirverkäufern und Konditoren ("Tor im Hemd") werden gut verdienen und ein gutes Abschneiden der Fußballer könnte sogar die Bürger noch in die Stimmung versetzen, die eine EM zu dem macht, was sie eigentlich sein sollte: ein großes Völkerfest, eine fröhliche Auszeit vom Alltag und den Zwängen des Kommerzes.

Marco Schicker

Weitere Informationen:
www.euro2008.com

Was bringt die EURO 200 der Österreichischen Wirtschaft?

Direkte Wertschöpfung: 207,3 Mio EUR
Multiplikative Wertschöpfung: 113,7
Wertschöpfung total (incl. Kaufkraft- und Fiskaleffekte): 321,0

Direkte Beschäftigung: 4.354,5 Jahresstellen
Indirekte Beschäftigung: 1.393,5
Induzierte Beschäftigung: 215,5
Beschäftigung total: 5.963,5

Kosten für den Stadionausbau
Wien, 17,96 Mio EUR
Klagenfurt, 59,35
Innsbruck, 30,82
Salzburg, 27,7

Quelle: Studie der SportsEconAustria – Institut für Sportökonomie im Auftrag der WKÖ

 

 

 

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