|
MAI 2008 / GESELLSCHAFT
Imperiale Schlüpferschau
Sie können es einfach nicht lassen. Ob in Ungarn oder Österreich - mit Sisi
und dem ganzen historischen Rattenschwanz der Habsburg-Lothringer wird auf beiden Seiten der Leitha in allen nur erdenklichen Aggregatzuständen
Kasse gemacht. Derweil gespenstert das alte Habsburgerreich durchs Parlament. Ein Besuch bei den Imperialdemokraten.
Auf Schloss Gödöllö zeigt man in diesem Frühjahr eine Sonderausstellung über das dunkelgraue Schaf Kronprinz Rudolf, der
auf der nach oben offenen Leidens- und Mitleidsskala nur noch von den durchlöcherten Thronfolgern von Sarajevo und natürlich Elisabeth überboten wird. Elisabeth, Hoffnung Ungarns,
Menschenfreundin, tragisch Einsame, Dichterin, - ja Engel in irdischem Fegefeuer.
"Ab 1. April 2008 ist die Unterwäsche von Kaiserin Elisabeth im Sisi-Museum zu
sehen!" - diese beinharte Ankündigung liest man allen Ernstes auf der Webseite hofburg-wien.at. Da kann Ungarn mit
"Rudis Reste Rampe" natürlich nicht mithalten. Jede nur denkbare Einzelheit wird aus den Kellern und Depots geholt und zur Zeit haben Details aus Kellern in
Österreich ohnehin wieder Konjunktur, warum also nicht noch ein paar Höschen der Kaiserin dazulegen? Um historische Zusammenhänge geht es dabei nicht so
sehr, die würden auch nur das Bild von der Unverstandenen in einem bunten Tacka-Tucka-Land, in dem sonst alle Glücklich waren, zerstören, dass eine
gläubige Gemeinde seit ihrem, durchaus tragischen, Tod bastelt und zurecht rückt, dass sich nur so die Balken biegen.
Mit historischen Zusammenhängen verwickelt man sich in Österreich ohnehin nicht so gern in diesem Jahr 2008, dass
wieder einmal ein sehr jubiläumsschwangeres ist, was ja bei einem so alten Land irgendwie in der Natur der Sache liegt. Drei Schicksalsjahre werden beschworen: 70 Jahre Einmarsch
der Deutschen, 80 Jahre die angebliche Abschaffung der Monarchie (gleichzeitig Kriegsende und Republiksgründung), 30 Jahre "Wunder von Córdoba".
Zu 1938 soviel: seine kaiserliche Absonderlichkeit, Otto Habsburg-Lothringen
durfte im Parlament der Republik sprechen, anlässlich des 70. Jahrestages der Besetzung Österreichs durch die deutschen Nazis. Dabei rutschten dem alten
Herren zwei Sätze heraus, die man durchaus von ihm erwarten konnte. "Meine Damen und Herren, ich glaube es gibt keinen Staat in Europa, der mehr
Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen, als es Österreich gewesen ist." (zustimmendes Gemurmel). Und: "Man zeigt noch immer die Filme des
Heldenplatzes (von 1938, Anm.) auf dem es 60.000 Leute gegeben hat - das ist wahr. Aber, schauen Sie, bei jedem Fußballereignis kann man 60.000
Leute zusammentrommeln..." (Heiterkeit) (Zitate stammen aus den Parlamentsprotokollen)
Sogar Ex-Kanzler Schüssel, der vor Jahren im Zusammenhang mit der Seligsprechung Karls I. mehr "Demut" im Umgang mit "historischen Persönlichkeiten" anmahnte, sah sich genötigt,
seine Wunderlichkeit ein klein wenig zu korrigieren. Vielleicht sah sich aber unser kaiserlich-königliches Plappermaul auch vom Gemälde des Bundeskanzlers Dollfuss angespornt,
der einst Parlament und Parteien in Österreich abschaffte und dafür nun ein Leben lang hängen muss, und zwar in Öl neben den Fraktionsräumen der ÖVP. Habsburg lobte ihn in einem Interview
kürzlich implizit für die Einführung des Austrofaschismus, schliesslich tat er das ja für Österreich. Genau das ist die hiesige Grundeinstellung: jede Schandtat, jede
Verfolgung wird entschuldigt, solang nur eine rot-weiss-rote Fahne im Spiel war. Das ist bis heute der mehrheitsfähige historische Konsens in Absurdistan.
Und so entglitt diese Feierstunde der ÖVP durch die stehenden Ovationen
heutiger Abgeordneter für eine sprechende Mumie der Vergangenheit zur Offenbarungsstunde wahrer Gesinnung. Selten nur, dass man einmal hinter den
sonst bunt beschienenen Vorhang der Schwarzen lugen kann, denn sind sie doch in massenkompatibler und europatauglicher Selbstverstellung zu einiger
Perfektion gereift. Fast schon so perfekt, wie uns "die Roten" in Österreich vorspielen können, sie wollten tatsächlich einen sozialen Umbau der
Gesellschaft. Und da ängstigt man sich tatsächlich wegen eines perversen Kriminellen um Österreichs Bild im Ausland! Wie auch immer, 1918 können wir
überspringen. Krieg verloren, Kaiser verloren, Republik eingeführt, also nichts zu feiern. Über 1978 sprechen wir erst wieder, wenn Österreich Deutschland (im Fußball) besiegt hat. (siehe auch diesen Beitrag) Ein sehr rundes "Jubiläum" hat man indes übergangen, dass uns evtl. alle weiteren bestens erklären und
auch sonst äusserst bescheidende Wirkung auf unsere Imperialdemokraten haben könnte: 1908 - 100 Jahre Annektion Bosnien-Herzegowinas durch Österreich.
Jedenfalls sollten die angeführten Beispiele nur zeigen, in welch aufgeklärtem,
ja progressiven Umfeld wir uns hier bewegen und wie wichtig und pädagogisch wertvoll es daher ist, sich eingehend mit den Kutschen, Pferderln, Kämmen,
Schlüpfern und sonstigen Utensilien unserer Sisi zu befassen. "Imperiales Einkaufsvergnügen" wird auf der Hofburg-Webseite einen Klick weiter
versprochen, was besonders lockend klingt, haben doch die Imperialen bei ihren Beutezügen immer ein besonderes Händchen für Schnäppchen bewiesen. Opa
Franz Josef schaut derweil silberbärtig von einer eigenen Kinder-Sisi-Webseite und überhaupt ist wieder alles sehr sehr niedlich hier in Wien.
Marco Schicker
Fotos (c): Wagenburg des Kunsthistorischen Museums Wien:
Sisi im Frisiermantel - Prunkwagen - Von Sisi benutzter Sattel
Ausstellungen
"Sisi auf den Spuren - Kutschen Kleider, Kultobjekte der Kaiserin Elisabeth von
Österreich" - Eine Ausstellung der Wagenburg des Kunsthistorischen Museums, 1130 Wien,
Schloss Schönbrunn, Eröffnung 29. Mai 2008, Ausstellungsdauer: 30.05. bis 30.11.2008 www.khm.at
Kaiserappartements und Sisi-Museum in der Wiener Hofburg (Dauerausstellung) www.hofburg-wien.at
Schloss Gödöllö: "Kronprinz Rudolf Gedenkjahr" mit Ausstellung Krönungswochenende,
"kaiserlicher Musicalnacht", und historischem Jagdtag etc www.kiralyikastely.hu (Infos auch auf Deutsch)
|