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AUGUST 2008 /
GESELLSCHAFT
Die Teilrepublik
Den Ungarn geht es viel besser als sie glauben wollen. Vor allem was die Politik
betrifft. Freund und Feind sind gut erkennbar, da herrschen klare Fronten. Zwei immerhin strikt voneinander getrennte Blöcke gaukeln, jeder auf seine
unverwechselbar erbärmliche Weise dem Volke vor, sie könnten - natürlich völlig uneigennützig - den entfesselten Turbokapitalismus in menschliche
Schranken weisen. Ein paar Krachmacher jagen in unerschütterlichem Selbsthass alles Andersartige durch die Straßen, dass der Turul reihern möchte.
Die Linke, soweit vorhanden, schreibt Petitionen und Bücher. Das Land ist aufgeteilt, eine Teilrepublik, - zum Teil Republik.
Dagegen beneidete man stets den glücklicheren der zwei kleinen Brüder, um
seine Stabilität, sein sozialpartnerschaftliches Nolens oder ständestaatlichen Volens, wie man immer will. Natürlich staunte man auch über den Wohlstand, der hier seit jeher das sanfte Ruhekissen gibt.
Doch die Ruhe ist vorüber. Seit unserem letzten Feuilleton über die Stände und
Zustände in Österreich ist fast ein Jahr vergangen und es ist, bis auf den Wohlstand der Wohlständigen nicht ein politischer Stein auf dem anderen
geblieben. Nicht, dass man daher beunruhigt sein sollte, ändern wird sich hier trotzdem nichts, in keine Richtung, nur man hat doch gerne ein wenig den Überblick. Was bisher geschah:
Vom Umfaller zum Kniefaller hochgedient
Kanzler Gusenbauer hat gezeigt, dass man sogar aus einem Elfmeter ein
Eigentor fabrizieren kann. Im Schatten der Europameisterschaft hat er sich in einem Anfall von Selbstkritik selbst geputscht, den Parteivorsitz an einen Herrn
Faymann abgegeben und sich gedacht, das es gut sei. War es aber nicht. Herr Minister Faymann schrieb, wohl weil er zum ersten Male die Umfragewerte
seiner SPÖ nicht nur gelesen sondern auch verstanden hatte, einen Brief an den Kaiser von Österreich, besser gesagt an dessen Krone, die der Herr Dichand
(eben nicht herausgibt, wie die WAZ-Gruppe das wollte, auch nicht verlegt, was uns ja freuen würde), sagen wir mal, drucken lässt. In diesem Brief, den
Kanzler Gusenbauer in seiner unverbesserlichen Weitsicht mit unterschrieb, taten die beiden Buße, schworen fortan in EU-Fragen auf des Volkes Stimme,
komme sie auch aus dem letzten Drecksbeisl, uneingeschränkt zu hören und hofften, durch diese weinerliche Abbitte eine Stimmungswende in Österreich herbeiführen zu können.
Nun sitzen beide etwas ratlos vor den Trümmern ihrer Spielwut. Die
Erkenntnis, dass es in Österreich keine Mehrheit links von der vagen Mitte gibt, war an sich richtig, richtig auch die Überlegung, die Arbeiter dort abzuholen,
wo man sie vor Jahren sitzen ließ. Überschätzt hat man aber die Naivität des gemeinen Volkes, auf ein so billiges Ansinnen herein zu fallen. Die Krone, das
Zentralorgan der Xenophoben, lacht sich ins Fäustchen, die Arbeiter wählen weiter rechts oder gar nichts, weil sogar sie eingesehen haben, dass man seine
Stimme besser behält als abgibt und die restlichen SPÖler hat man nun auch noch verärgert. Kurz, die SPÖ hatte sich vom Umfaller zum Kniefaller
hochgedient. Bevor dieser Aufstieg drohte unaufhaltsam zu werden, sprach Vizekanzler Molterer (ÖVP): "Es reicht." Er meinte die Koalition damit, wird
sich aber dabei auch gedacht haben: "Es könnte reichen..." und zwar im Hinblick auf die Rückeroberung der Kanzlerschaft in die von Gott gewollten Reihen der ÖVP.
Das Lebenselixier der Hausmeister
Also Neuwahlen. Um die 20% traut man der FPÖ von HC Strache zu, aber nur,
weil praktisch andere schon sein Geschäft erledigten, bei dem man - bis auf die Farbe - nicht weiss, was am Ende hinten rauskommt. Ein "ÖVP-Rebell" (mit
Verlaub, ein Widerspruch in sich, die Geschichte lehrte ja nicht viel, aber doch: entweder ÖVP oder Rebell) namens Fritz Dinkhauser will Neues wagen. Aber
sicher nicht das Volk. Das möchte gefälligst weiter raunzen dürfen und lässt sich doch nicht etwa von neuen Politikern, gar einer neuen Politik seine schlechte Laune aufhellen.
Man hat sich doch nicht umsonst an der kürzlichen Verurteilung von
Ex-BAWAG-Bankchef Elsner zu mehr als sieben Jahren Haft ergötzt, oder am Kasperletheater um BZÖ-Chef Westenthaler, der wegen Falschaussage in einer
Prügeleigeschichte zu 9 Monaten bedingt verknackt wurde (beides noch nicht rechtskräftig, daher selbstverständlich Unschuldsvermutung etc. pp., um deren
Anwälten das Briefeschreiben zu ersparen). Haider liess nervende Ausländer in Busse verfrachten um sie nach Niederösterreich zu "deportieren", was die
Justizministerin dazu veranlasste an den Landesgrenzen Straßensperren zu errichten. Die AUA hat auch Schmerzen und soll nun (evtl. gar an die
Lufthansa!!) privatisiert werden. Es fehlte eigentlich nur noch, dass irgendjemand Beethoven zum Deutschen und Hitler zum Österreicher erklärt!
Die Aufreger sind das Lebenselixier des Hausmeistervolkes. Ohne sie, die
Aufreger gäbe es kein Leben, weil es ohne sie keine Krone mehr gäbe, weshalb es dann auch keine Hausmeister mehr gäbe. Eine zweite Abschaffung der
Krone verkraftet Österreich aber sicher nicht. Nein, man will und wird weiter alles teilen im Konsensstaat: die Posten wie die Skandale, den Wohlstand wie
die Menschenrechte. Österreich bleibt eine Teilrepublik und zum Teil Republik.
Marco Schicker
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