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Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

NOVEMBER 2008 / GESELLSCHAFT

Straßenbau vor Völkerrecht

Vor einhundert Jahren wurde Bosnien-Herzegowina von Österreich-Ungarn annektiert. Des Kaisers Sohn und die Industriellenvereinigung feiern dies heute noch als Infrastrukturprojekt.

"Ich habe Mich bestimmt gefunden, die Rechte Meiner Souveränität auf Bosnien und Herzegovina zu erstrecken und die für Mein Haus geltende Erbfolgeordnung auch für diese Länder in Wirksamkeit zu setzen..." - Mit diesen Worten wandte sich Kaiser Franz Joseph am 7. Oktober 1908 auch im Pester Lloyd an "seine" Völker, um ihnen die Annexion Bosniens und der Herzegowina zu erläutern.

Ausriss aus dem Pester Lloyd vom 7. Oktober 1908, Foto: Archiv

Tatsächlich bedeutete der Einmarsch der k.u.k-Armee die Beseitigung eines staatsrechtlichen Zwitterwesens. Seit 1878 unterstand das Gebiet österreichisch-ungarischer Verwaltung, war aber formal noch Teil des Osmanischen Reiches, welches dort 450 Jahre lang den Ton angab. Der Sultan hatte angesichts innenpolitischer Turbulenzen wenig Lust und kaum die Kraft den Österreichern paroli zu bieten. Die Bosniaken, überwiegend Muslime, dazu Serben sowie einige sephardische Juden, erhielten Zutritt zu den Segnungen einer geübten Verwaltung. Ihnen wurden in missionarisch-wohltätiger Geste die vollen Bürgerrechte ebenso anbefohlen wie die Verfassung des Reiches. Immerhin endete mit der Übernahme des Landes auch die Macht einiger übler Provinzhalunken, die das Volk auspressten, wie es ihnen passte. Die Halunken die jetzt kamen, waren von Welt.

Markus Beyrer von der Industriellenvereinigung und Otto Habsburg-Lothringen bei der Buchpräsenation in Wien., Foto: IV (c) Jürgen Christandl

Battleground, Puffer, Manövergelände

Die Region war ein halbes Jahrtausend lang Battleground zwischen den christlichen und muselmanischen Groß- und Mittelmächten, die hier ihre Schlachten wie auf einem Manövergelände austrugen, als wäre es Niemandsland. Nun wandelte sich die Anarchie in geregelte Ausbeutung, was dem Elend der Menschen einen irgendwie berechenbaren Rahmen gab. Manche nennen dies noch heute Fortschritt, schliesslich ging der Anschluss an das Reich doch mit zahlreichen Straßen- und Schienenbauprojekten und einer gewissen Industrialisierung einher. Straßenbau als Ermächtigung, dies sollte noch ein paar Jahrzehnte später funktionieren.

Doch der Wappenadler Österreichs hatte damals nicht umsonst zwei Köpfe. Es ist nicht zu bestreiten, dass die Rückständigkeit dieser Region eine unmittelbare Folge der jahrhundertelangen Machtpolitik Österreichs, wenn auch nicht nur Österreichs, war. Bosnien diente als Puffer zwischen Kaisern und Sultanen. So hatte Prinz Eugen im 17. Jahrhundert mal eben Sarajevo in Schutt und Asche legen lassen, um den Türken die Versorgung ihrer Truppen zu vermasseln.

Mit der offiziellen Aneignung Bosnien-Herzegowinas musste sich vor allem Serbien provoziert fühlen, dass selbst die Vorherrschaft auf dem Balkan anstrebte. Diese Gelüste brodelten schon lange und gipfelten bald darauf im Krieg mit Bulgarien um Makedonien. Dass 1914 das weltkriegsauslösende Attentat auf das Thronfolgerpaar in Sarajevo stattfand, ist historisch daher nur folgerichtig. Zweifellos dachte das Haus Habsburg mit der Schaffung vollendeter Tatsachen in Bosnien an eine Stabilisierung der Region. Dass man also durch Militäreinsatz Frieden schaffen wollte, ist keine neue Doktrin, ein sinnloses Unterfangen war es gestern und ist es heute. Dass der Kaiser sich zu all dem "bestimmt gefunden" hat, zeigt die eigentliche Ursache des Übels. Der Herrschaftsanspruch einer von Gott abgeleiteten Gnade, der über Völker und Menschrenrechte marschierte, wie es gerade passte.

 

Der Herr von Vorgestern und ein schlimmer Finger

„Die österreichisch-ungarische Epoche stand am Beginn der – wenn man so will – europäischen Integration Bosniens und der Herzegowina“, sagte IV-Generalsekretär Markus Beyrer vergangene Woche bei einer Buchpräsentation im Haus der Industrie in Wien. Das ist dort, wo sonst der Kabarettist Robert Palfrader als ORF-Kaiser seine Späße treibt. "Integration" als Umschreibung für eine Annexion, das hätte glatt George W. eingefallen sein können, als er eingefallen ist. Die komödiantische Aura hat sich nur noch gesteigert als der - für manche echte - Kaiser, Otto Habsburg-Lothringen das Buch „Des Kaisers Bosniaken" präsentierte. Was dieser Herr von Vorgestern zu melden hatte, ist jedoch spätestens seit seinen letzten grenzdebilen Äußerungen zur österreichischen (Opfer-)rolle in der Nazizeit nicht mehr relevant. Paneuropaunion hin, Picknicks her, dieser Mann ist, wie zahlreiche Interviews aus jüngerer wie älterer Zeit beweisen, geschichtlich zumindest lernunwillig und dynastisch renitent. Lassen wir ihn dem Frieden, den die Seinen uns nicht liessen!

Nicht in Frieden lassen wir die Industriellenvereinigung: "Unzählige Infrastrukturmaßnahmen, die Einrichtung eines umfassenden Schulwesens, einer modernen Verwaltung mit ihren architektonischen Zeugnissen" (...) "wurden damals in Bosnien und der Herzegowina durchgeführt", freute sich Beyrer vor Publikum. "Heute, (100 Jahre, drei Gesellschaftsordnungen und einige Millionen Kriegs- und Hungertote später, Anm.) sind österreichische Unternehmen aus dem Finanzsektor und der Industrie dafür verantwortlich, dass Österreich (wieder) größter Investor in Bosnien und der Herzegowina ist." schwadroniert der IV-General weiter. Grob und kurz zusammengefasst: Dem Kapital ist eh alles recht, solang es sich vermehren kann. Straßenabu vor Völkerrecht, Krieg ist Integration. Wir dürfen uns schon jetzt auf engagiertes Weltwirtschaftskrisenmanagement freuen.

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Da sich viele schon sorgten: die Familie Habsburg-Lothringen hat kürzlich dann doch neue "Übersärge" für die 1989 beerdigte Kaiserin Zita sowie den 2007 gestorbenen "Erzherzog" Carl Ludwig anfertigen lassen, "um dem bestehenden Qualitätsanspruch in der Kaisergruft gerecht zu werden.". Leider läßt der sich halt nur für die Hüllen formulieren. Auch ein Fingerknöchelchen des letzten Kaisers Karl bekam einen Platz als Reliquie in der Salvatorgemeinde in Wien-Kaisermühlen. Der Pater selbst kann mit "dieser Art von Religiosität nicht viel anfangen". Wir wissen auch nicht von welchem Finger das Knöchelchen stammt, können es uns aber denken, und wissen sicher: es war ein schlimmer.

Marco Schicker

 

 

 

 

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