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NOVEMBER 2008 /
GESELLSCHAFT
„Kulturhaupstadt des Führers“
Eine beispielhafte Ausstellung in Linz
Linz wird europäische Kulturhauptstadt 2009. „Nicht zum ersten Mal steht Linz
im Brennpunkt europäischer Kulturpolitik“, lesen wir zur Ausstellung im Schlossmuseum oberhalb der Donau. Die einstige Hauptstadt des Reichsgaues Oberdonau war nämlich Liebling Adolf Hiltlers.
Als Vorleistung zur Präsentation für Europa fanden es die Linzer essentiell, dieses dunkles Kapitel ihrer Geschichte
gründlichst zu erforschen und aufzuzeigen. Im Projekt „Linz09“ nimmt jene Zeit eine wichtige Position ein, in der Linz als „Führerstadt“ galt und umgeben war von einem Ring an Vernichtungsorganisationen:
Mauthausen, Gusen, Ebensee. Und Hartheim, wo Euthanasie betrieben wurde.
„Spuren des Nationalsozialismus sind nicht nur im Umland, sondern auch in der Stadt selbst spürbar und bis zur
Gegenwart hin vorhanden, auch in den Materialien unscheinbarer Bauten, die in der NS-Zeit aus Mauthausener Granit gefertigt wurden, bezahlt mit dem Leben
der KZ-Häftlinge. Die Außeranderssetzungen mit dieser Geschichte und das Wissen um ihre Auswirkungen bis zu Gegenwart soll anschaulich und greifbar werden.“
Die Aussage wird wohl nicht wenige schockieren. Alle Achtung, mehr kann man
kaum erwarten. Doch warum wählte der Führer die, seien wir ehrlich, wenig reizvolle, damals kleine Stadt zu seinem Liebling? Warum wollte er dort seinen Alterssitz an der Stelle des Schlosses errichten?
Nun, weil der kleine Adolf in dieser Gegend aufgewachsen war. Er war 10, als
die Familie von Braunau am Inn, wo der Papa Zollbeamter war, nach Leonding bei Linz zog. Wir können die Klassenfotos des Kleinen sehen und erfahren,
dass er die Realschule wegen seiner schlechten Ergebnisse verlassen musste. Also hatte er hier kaum viel Erfolgserlebnisse. Trotzdem hielt er beim
Einmarsch im März 1938 am Hauptplatz von Linz, um in das Mikrofon zu brüllen: „Wenn die Vorsehung mich einst aus dieser Stadt heraus zur Führung
des Reiches berief, dann muss sie damit einen Auftrag erteilt haben. Es kann ein Auftrag gewesen sein, meine teure Heimat dem Deutschen Reich wieder
zu geben. Ich habe für diesen Auftrag gelebt, gekämpft und ich denke, ich habe ihn jetzt erfüllt.“
Maquette des „neuen Linz“ immer dabei
Schon längst hatte er entschieden: Linz wird eine der fünf „Führerstädte“. (Die
anderen waren die Welthauptstadt Germania, Berlin, München, Nürnberg und Hamburg). In Linz sollte das repräsentative Kunstmuseum des Reiches
eingerichtet werden. Als Grundlage bot er seine „Privatsammlung“ an, die wiederum später als Raubgut-Sammlung in die Geschichte einging. Es galt der
„Führervorbehalt“, sein Recht, aus den aus allen Ecken Europas weggeschleppten Kunstschätzen all das auszuwählen, was er als würdig für das
Linzer Führermuseum befand. Hans Posse, Direktor des Dresdner Museums, hatte den noblen Auftrag zur Auswahl und Albert Speer persönlich überwachte die Planungsarbeiten in Linz.
Hitler ging auch dieser seiner Idee manisch nach. Die Maquette des „neuen
Linz“ war immer bei ihm. In der Wolfschanze ebenso wie im Berliner Bunker. Zwar wurde weder die versprochene Linzer Oper, noch das Museum gebaut,
nur die Sammlung für das Letztere war zu Kriegsende vollständig. Doch schon früher musste man sich entschließen die Kunstschätze in den Stollen des
Salzkammerguts in Sicherheit zu bringen. Den nüchternen Bergarbeitern ist es zu verdanken, dass der Befehl des Linzer Gauleiters, die Stollen danach zu
sprengen, nicht durchgeführt wurde. Dann kamen die Spezialeinheiten der Amis. Sie brachten die „Privatsammlung“ nach München und versuchten, die
Eigentümer ausfindig zu machen. Das gelang nur teilweise, wurden ja viele, meist ganze Familien, schon längst vergast. „So beschäftigt die Sache die Zuständigen bis heute“, informiert die Ausstellung.
Kein Wunder. Nur Jahre nach dem Krieg meldete ein Landwirt, er habe
irgendwelche Gemälde am Dachboden. Eine Lieferung erreichte seinerzeit die Stollen nicht mehr. Einen einzigen Eigentümer aus den Niederlanden konnte
man finden, der Rest der Gemälde blieb im Land. Übrigens meldeten die Behörden Oberösterreichs nach Kriegsende allen Ernstes den Anspruch des
Landes auf die Schätze aus den Stollen an. Schließlich wurden ja diese durch Österreicher gerettet, so die Begründung.
Gefordert war das Übermaß
Wenige außer den Linzern wissen, das die breite Nibelungen-Brücke im
Zentrum der Stadt Hitlers Idee war. Und dass die zwei massiven Bürobauten am Brückenkopf die ersten – und einzigen – sind, die aus dem geplanten
Hitlerschen Stadtzentrum verwirklicht wurden. Dazu stehen noch die anderen Bauten aus der Zeit, mit 12.000 Wohnungen für die Arbeiter der
Hermann-Göring Werke. Jener Rüstungskomplex gibt es als voestalpine AG, jahrzehntelang als Staatsunternehmen, heute voll privatisiert, mit seinem friedlicherem Profil auch heute noch.
Die Kuratoren der beispielhaften Ausstellung nahmen sich auch die Mühe, um
nachzuforschen, was die Nazis eigentlich wirklich über Kunst und Kultur dachten? Was Architektur betrifft, so wollte der Führer das Volk mit riesigen
Proportionen beeindrucken, auch einschüchtern, um auf dieser Weise seine Herrschaft psychologisch zu sichern. „Eine ideologische nationalsozialistische
Bauarchitektur gab es nicht. Gefordert war nur das Übermaß“, hieß es von Speer selbst.
Goebbels, als „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“, eröffnete
nach der Münchner Kunstausstellung 1937 die zweite dieser Art in der Führerstadt Linz. Die „Entarteten“ waren damals freilich schon längst verpönt.
Nicht unbedingt nur die Juden, auch der Kommunist Oskar Kokoschka. Merkwürdig übrigens, dass der nicht ungebildete Goebbels für die
Expressionisten Partei nahm – doch Hitlers Widerspruch bedeutete auch für sie den Ausstoß.
Gleichzeit erhielten große österreichische Schöpfer Aufnahme in die
Nazi-Walhalla, die dagegen nicht protestieren konnten. Hochgelobt wurde der einstige Organist des Linzer Doms, Anton Bruckner. Ein Reichsbrucknerchor und
ein Reichsbrucknerorchester wurden gegründet. Auch als eminente Deutsch-Österreicher galten Mozart, Schubert, Brahms und Johann Strauss.
Zwar wurden die öffentlichen Bibliotheken nach „schadhafter“ Literatur gefilzt, doch gab es in Linz keine öffentlichen Buchverbrennungen. So etwas
passierte in der Ostmark allein in der Mozartstadt Salzburg.
Und noch eine merkwürdige Geschichte im Zusammenhang. Es lebte mal ein
braver Arzt in Linz, Ernst Bloch. Als Hitlers Mutter 1907 schwer erkrankte, kümmerte er sich aufopfernd um die Patientin. Trotzdem starb die Frau. Als
der Sohn 30 Jahre später nach Linz kam, ließ er den Arzt rufen, um ihm seine Wertschätzung zu versichern. „Wären alle Juden wie sie, wäre ich kein
Antisemit“, soll er gesagt haben. Als „Ehrenjude“ konnte Bloch im Reichsgau bleiben und praktizieren. Trotzdem zog er es vor, 1940 in die US auszuwandern.
So konnte er nicht mehr erleben, wie der Sozialist Ernst Koref, der erste
Bürgermeister des befreiten Linz, im Mai 1945 die Arbeit seines scheidenden Vorgängers, des SS-Brigadeführers Franz Langoth öffentlich würdigte. Langoth
war auch Blutrichter und fällte 42 Todesurteile. Nach zwei Jahren Internierung wurde er 1950 durch Amnestie des Staatsoberhauptes befreit. 1973 wurde
schließlich eine Straße in der Stadt nach ihm benannt – doch 1988 wurde der Beschluss rückgängig gemacht. All das und vieles mehr ist im Schlossmuseum zu
lernen. Die neue Kulturhauptstadt präsentiert sich mit entwaffnender Ehrlichkeit.
András Heltai-Hopp
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