|
FEB / MÄRZ 2009 / KULTUR
Balkanfieber - Pandemisches Paradoxon
Vom 30. März bis 9. Mai wird das "erste, größte und stilistisch vielfältigste
Balkanmusikfestival Europas" in Wien über die Bühnen gehen.
Nein, Balkanfieber ist nicht das Unwort des Jahres zur andauernden
Wirtschaftskrise. Balkanfieber ist eine Epidemie. Sie hat vor allem Mitteleuropa erfasst und ist ein echtes Paradoxon. Während in Ungarn und Wien die Allergie
gegen alles Südslawische pandemische Ausmaße erreichte, bildete sich die Gegenwelle der Balkanparties. Sie zeigen, dass man Klischées und Vorurteile
bekämpfen kann, indem man sie nur lang genug bedient, sie solange penetriert bis die Absurditäten negativer Auslegung von kulturellen Besonderheiten in einer
spassigen und musikalisch hochwertigen Riesenparty tanzend und kreischend untergehen.
Esma Redzepova, Foto: Balkanfieber
Der "Tschusch" dient dem Wiener als abwertender Oberbegriff für die
Einwanderer aus Ex-Jugoslawien, so wie der "Piefke" für die Deutschen. Doch der "Tschusch" ist schlimmer, es sei denn, es handelt sich um Fussball, da geht
nichts über bzw. unter den Piefke. Das Bild des unrasierten, sozialschmarotzenden, stets etwas gewaltbereiten und nach Schnaps stinkenden
Gürtelbewohners aus Ex-Jugoslawien ist Stigma und Teil des gelebten Rassismus´in Österreich. Freilich hört man all dies eher vom unrasierten,
sozialhilfeempfangenden und nach Schnaps stinkenden Österreich, aber auch feinere Schichten rümpfen gern die Nase über sie und verdrängen dabei, dass
die meisten von ihnen selbst, zumindest teilweise, Ergebnis jener genealogischen Völkerschlacht sind, aus der dieses Land hervorging. Viele der
Einwanderer sind mittlerweile eingebürgert, einfach nur hier zu Hause, arbeiten genauso "brav", leben das kleine Glück und reden mittlerweile ebenso
viel dummes Zeug über Andersartige zusammen wie die "Ureiwohner".
Ein bißchen wie "Negergucken" mit politisch korrektem Hintergund
Das Balkanfestival in Wien pflegt das Fieber nun in seinem sechsten Jahr. Dem
Sound des Balkans widerfuhr hier mittlerweile, was z.B. dem Salsa schon weiltweit wiederfuhr - die Wandlung vom bestaunten Exoten zum Modeartikel.
Wenn die Fanfaren Albaniens erklingen, ging dem Wiener vor kurzem noch ein Schauer kalten Grausens über den Rücken, der Besuch eines solchen Konzertes
war ein bisschen wie das "Negergucken" im 18. Jahrhundert als man Mohren als Sensation in den Salons rumzeigte, nur eben politisch viel korrekter, aber
genauso ungeheuer. Heute versteht man den Balkansound als selbstverständlichen Teil der Spassgesellschaft mit leichter Bekenntnissqualität
zu Toleranz und Miteinander. Der Rest ist Kommerz. Nur die Kenntnis und der Geschmack der Veranstalter verhinderten bisher, dass die ganze Sache in ein
kitschiges Folklorestadl abgerutscht ist und eine Empfehlung der ganz eigenen, eben Wiener Art ist und bleibt.
Abgrenzung von Stangenware
Hier nimmt man sich immerhin noch die Zeit nicht nur dem oberflächlichen Sound, sondern der Seele der Musiken des Balkans
zu folgen. Das Festival will sich gegen die "inflationäre musikalische Stangenware, die sich mit „Balkan“ tituliert" abgrenzen, "die zwar fröhlich eklektizistisch die
unverstandenen Musikformen plündert, aber selten wirkliche Osteuropabezüge erkennen lässt".
Gekontert werden soll mit einem gediegenen Programm, das Party und
Anspruch widerspruchslos vereint und "den Balkan von seinen modernsten wie archaischsten, von seinen unerwartetsten wie vertrautesten Seiten zeigt." Als
Auftakt werden sich im Konzertsaal des Wiener Musikvereins die Gitarristen Vlatko Stefanovski (ein Star des Jugo-Rock, aber auch ein formvollendeter
Kontertgitarrist), Miroslav Tadic und der Flötist Theodosii Spassov mit dem Niederösterreichischen Tonkünstlerorchester unter Leitung von Kristjan Järvi ein Stelldichein geben.
Zwei Wochen später, nach den Osterferien, geht es dann richtig los, mit der
große Esma Redžepova, deren Band ausgelassenen orientalischen Gypsy-Brass bietet. Eine andere Brassband, gleichfalls ein mazedonisches Roma-Ensemble,
wird das Festival würdig und dionysisch beenden: die Romainstitution Cherkezi aus Skopje unter Leitung von Mazedoniens Jazzgitarre Nr. 1 Toni Kitanovski.
Konsonans Retro kommen aus der Ukraine, gemeinsam mit dem deutschen
Klarinettisten Christian Dawid und dem Londoner Schlagzeuger Guy Shalom interpretieren sie die Dorfmusik Moldawiens und Podoliens mit starkem
Klezmereinschlag, und bei Karandila Junior aus Sliven, Bulgarien, handelt es sich um die Söhne und Enkel der „Altherrenband“ Karandila, alle Mitglieder bewegen
sich im zarten Alter von 7 bis 17 Jahre.
Schwerpunkte: Bosnien & Vojvodina
Einen besonderen Schwerpunkt legt man 2009 auf die multikulturellen
postjugoslawischen Regionen Vojvodina und Bosnien. Vier der letzten lebenden AltmeisterInnen der bosnischen Liebesliedtradition hat man für ein
gemeinsames Konzerte gewinnen können: Emina Zecaj, Sejo Pitic, Nedžad Salkovic und Zehra Deovic – Stars, von denen man zum Teil gar nicht mehr
wusste, dass sie noch auftreten. Für bosnischen Ethnojazz vom Feinsten sorgt der in Wien lebende Pianist Edin Bosnic mit seinem Quartett (dem auch
Drummer Dušan Novakov und Fatima-Spar-Saxofonist Andrej Prosorov angehören). Er eröffnet sozusagen einen zweitägigen Balkan-Piano-Jazz-Schwerpunkt im Porgy & Bess, den Bojan Z. beschließt.
Gleichfalls von bosnischer Abstammung, in Belgrad aufgewachsen und in Paris
wirkend ist der Pianist Bojan Zulfikarpašic (kurz Bojan Z.), Hans-Koller-Preisträger und herausragender Stilbildner des Balkanjazz.
Desgleichen der in Berlin lebende bulgarische Saxofonist Vladimir Karparov (vielen als Mitglied von Martin Lubenovs Jazzta Prasta bekannt), ein wahrhaft exzellenter Jazzmusiker mit Ethnobezügen.
Griechenland als Balkon des Balkans
Die "Sargfabrik" widmet sich passenderweise ganz der multikulturellen Region
Vojwodina, durch Konzerte des Novi Sader Rock-Cabaret-Exzentrikers Boris Kovac und seines Ensembles La Campanella sowie des ungarischen Geigen- und
Mandolinenexzentrikers Lajko Felix, gleichfalls aus Novi Sad. Die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu setzt den nostalgisch-melancholischen Charakter
vieler vojvodinisch-pannonischer Musikstücke mit Bukarester Tangochansons der 20er und 30er Jahre fort. Die Frage, ob Griechenland zum Balkan gehört oder
nicht, wird mit dem Auftritt eines Stars von der Insel Kreta beantwortet, des berühmten Lyrespielers und Sängers Stelios Mpikakis. Somit sind, laut
Veranstalter, die Berghänge der Lefká Óri, der Díkti- und Thrípti-Berge zum südlichen Balkon des Balkans erklärt.
Alle Programme, Daten, Orte: www.balkanfever.at
|