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APRIL 2009 /
WIRTSCHAFT
Kopflastig
Wien ist die "Headquarter"-Metropole Europas. In der Stadt an der Donau
siedeln sich, den Osten vor Augen, nach wie vor viele Firmen an, doch Geld investieren sie wenig.
Der Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF) freut sich über eine weiteres
"Rekordjahr für internationale Ansiedlungen in Wien". Immerhin haben sich 2008 "119 internationale Unternehmen" in Wien neu niedergelassen. Dass sie
zusammen rund 900 Arbeitsplätze schufen, klingt da schon ernüchternder. Und auch die Investitionen von rund 125 Mio. EUR, wie sie der WWFF angibt, sind
bei der Masse von neuen Briefkästen eher marginal, entfallen ja auf jedes Unternehmen im Schnitt gerade etwas mehr als eine Million EUR Investitionen und 7-8 Mitarbeiter.
Skyline an der Neuen Donau in Wien
Wien bleibt seinem Ruf als charmante Kontaktschmiede und Kongresszentrum
Mitteleuropas treu. Jedes Unternehmen, zumal mit Ostplänen (und welches Unternehmen hätte die nicht), braucht nicht nur einen Briefkasten in Wien,
sondern auch einen Schreibtisch, eine Sekretärin und ein Besprechungszimmer. Das Lager steht dann vorzugsweise schon wieder bei Bratislava oder in Budaörs,
die Produktion findet, wenn überhaupt in Europa, dann sehr weit weg statt. Österreich hat eine tolle Lage, nette Kaffeehäuser aber zu hohe Löhne.
Die Ostkompetenz Wiens ist nicht ihr Verdienst, sondern ihr nicht zu bedauerndes Schicksal
In der Hurra-Attitüde aus dem städtischen WWFF klingt das aber dann so: Wien
habe sich als "Headquarter-Standort" bestätigt und "Immer mehr Unternehmen aus CEE-Ländern" strömten nach Wien, heißt es in einer Aussendung. "In den
letzten Jahren erkennen und nutzen aber auch zunehmend Unternehmen aus Osteuropa Wien als Brückenkopf für den Eintritt in die etablierten EU-Märkte",
sagt Vizebürgermeister Brauner. Die Zahlen sagen: von 119 waren das 2008 29 aus "Mittel- und Osteuropa", was auch nicht ganz stimmt, denn 17 stammen
aus Russland bzw. der Ukraine. Wirklich aus CEE kamen hingegen nur fünf ungarische Unternehmen und je zwei aus Tschechien und Polen. Dagegen
waren 36 "Projekte aus Deutschland" dabei, eindeutig ein mitteleuropäisches Land. Oder nicht?
Dass sich hier die CEE-Headquarter in Massen ansiedeln hat natürlich einen
Grund. Wiens Kopflastigkeit. Steuerberater, Anwälte, Wirtschaftsberater verfügen über CEE-Kompetenz, jetzt kommt`s: "gekoppelt mit einem
ausgeprägten Verständnis für Sprachen, Kultur und Geschäftspraktiken in Osteuropa." Ich weiß nicht, ob Sie sich schon einmal mit einem Wiener Anwalt
unterhalten haben. Aber die einzige CEE-Kompetenz in Wien stammt von Leuten aus CEE. Immerhin leben wirklich viele hier, das stimmt, ist aber kein
Verdienst der Stadt, sondern ihr nicht zu bedauerndes Schicksal.
Feine Adressen mit schmalen Teams
Freilich sollte man den Wienern ihre Ansiedlungserfolge nicht madig machen.
Darum seien einige feine Adressen genannt. 2008 ließen sich u.a. nieder "GDF SUEZ" einer der "weltweit wichtigsten Energieversorger" hat "seine CEE-Zentrale
in Wien aufgebaut." Die Hyundai Mobile Europe GmbH ist mit 20 MitarbeiterInnen eingezogen und beschäftigen sich "mit Marketing,
Produktmanagement, Forschung & Entwicklung und Logistik." Allerhand für 20 Leute. Für Hyundai sei "vor allem die politische Stabilität, das steuerliche
Umfeld und die niedrigen Mieten ausschlaggebend" für die Standortentscheidung gewesen. Erstes stimmt weitgehend, bei zweitem und drittem müssten die Wiener Wirtschaftsförderer den einen oder anderen
(selbstredend legalen) Tipp gegeben haben. Die Steuern sind hierzulande hoch, die Mieten noch viel höher. Man freut sich weiterhin über ein Klassiklabel aus
Deutschland und die kanadische PDC Biotech im Bereich Life Science, allein schon, weil sich die Kombination von Forschung und Musik einen solchen Bericht
gleichzeitig innovativ wie traditionsbezogen ziert.
MS
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