|
FEBRUAR 2007 / GESELLSCHAFT 26.03.2007
Trouble bei den Esterházys
Während in Budapest die wiedervereinten Schätze der Fürstenfamilie zu bestaunen sind, entzweien sich die Familienmitglieder
weiter und bekriegen sich Erben, Enterbte und Verwalter in Österreich mit Anzeigen und rigiden Vorwürfen - eine handfeste Adelsposse um ein Milliardenvermögen
Der Eisenstädter Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit wegen des Vorwurfs, Fürstin Melinda Esterházy wäre, gelinde
gesagt, in ihrer Freiheit eingeschränkt. Die - im Wortsinne - entfernten Familienmitglieder Endre und Christine Esterházy werfen dem Verwalter des in
doppelter Hinsicht fürstlichen Vermögens, Stefan Ottrubay, immer wieder einmal vor, die Chefin des Hauses mehr oder weniger wegzusperren, um
schalten und (ver)walten zu können, wie ihm beliebt. Besuche bei "Tante Melinda" seien der Verwandtschaft und Freunden nicht möglich. Die Frau werde
abgeschottet und isoliert. Ottrubay erklärt hingegen, daß sich die Fürstin vor drei Jahren offiziell in ihre Privatgemächer verabschiedet habe: "Sie hat sich bei
vielen Persönlichkeiten des Landes verabschiedet und entschieden, ihre Pension anzutreten. Man muss in der Öffentlichkeit akzeptieren, dass ein 87-jähriger
Mensch das Recht hat, sich zurückzuziehen", so Ottrubay.
 |
Kinderspass auf Burg Forchtenstein - Verbergen die dicken Mauern ein finsteres Geheimnis?
Handfeste Vorwürfe und Nebenschauplätze der Eitelkeiten
Nun, nach mehreren wechselseitigen Anzeigen, Ottrubay wehrte sich
mittlerweile mit einer Verleumdungsanzeige, sollen die Gerichte klären, was die verschiedenen Verwandten und Zweige und Linien nicht mehr schaffen. Nach
Auskunft des Gerichts werden in beiden Fällen, also dem der Freiheitsberaubung wie auch dem der Verleumdung, bisher lediglich "Vorerhebungen" betrieben.
Schon im Vorjahr erstatte Ottrubay zudem Anzeige gegen ein "Mitglied des Hauses" wegen versuchter Erpressung. Das sind nur die handfesten Vorwürfe.
Daneben gibt es noch einige Nebenspielplätze von Beleidigungen und Eitelkeiten: "Personen", gemeint sind nicht gern gesehene Esterházys, werden - weil sie sich
lautstark einmischten - von einer Pressekonferenze entfernt: also Nötigung, sagen sie und zeigen das an. Letzter "Skandal": auf einem Provinzball in Wiener
Neustadt liessen sich "nicht berechtigte" Esterházys als offizielle Vertreter des Fürstenhauses herumreichen. Wirklich eine Frechheit.
Im Kern des Streits geht es ums Geld, die Apanagen und seit Jahrzehnten um
die tatsächlichen und vermeintlichen Ansprüche der vielen Zweige und Zweigchen der fürstlichen und gräflichen Linien, deren Überschneidungen und
Verästelungen. Mit der Einbringung der Hinterlassenschaft des 1989 verstorbenen Paul Esterházy in eine Stiftung, ist seine Witwe Melinda (übrigens
früher eine berühmte Ballettänzerin an der Budapester Oper) faktisch Alleinerbin, ihr Neffe Ottrubay als Verwalter sozusagen die Zugbrücke der
fürstlichen Burg, über die jeder Euro hinein und hinausgeht. Die nähere und weitläufigere Verwandschaft, ob nur gelb vor Neid oder tatsächlich übervorteilt,
weiss niemand mehr so recht, sieht durch die "Machenschaften" Ottrubays den Namen der Familie beschmutzt. Auch auf den Gütern soll mit Methoden aus der
Feudalzeit gewirtschaftet werden, in dem z.B. Pachtzinse von einem Jahr auf das andere verdoppelt worden sein sollen. In Wirklichkeit wollen sie nur Geld,
daß ihnen nicht zusteht, meint die Gegenseite. Ja, sie gehören - nach deren Ansicht - nicht einmal zur fürstlichen Familie, sollen sich also schleichen.
Ein fürstliches Vergnügen für bürgerliche Voyeuristen
Das "sagenhafte" Vermögen der "Fürstin" Melinda Esterházy befindet sich heute
also überwiegend in einer Privatstiftung, denen wiederum die Esterházy-Betriebe gehören, und wie es landläüfig heisst, auch "das halbe
Burgenland". Man beschäftigt sich mit Land- und Holzwirtschaft, Weinbau, betreibt Museen, unterhält die Stammburg Forchtenstein, das Familienschloss in
Eisenstadt, engagiert sich im Tourismus, im Naturschutz und versorgt, ganz nach Belieben die Familie oder auch nicht. Die Zweifel an der Qualifiaktion und
der Redlichkeit des Verwalters Ottrubay werden u.a. auch aus einer Episode genährt, als er vor knapp zehn Jahren bei der Budapester Hypovereinsbank als
(ein) Direktor tätig war. Dort ist er gegangen worden. Zu dem Warum gibt es in Fachkreisen unbestrittene Gerüchte, die besagen, daß Ottrubay bei der HVB
auf eine Art und Weise gewirtschaftet habe, die ihn nicht gerade für seinen heutigen Posten empfiehlt, ja überhaupt für irgendeinen kaufmännischen
Vertrauensposition prädestinieren sollte. Die Bank liess damals aus Geschäftsräson nichts weiter verlauten, dementieren kann sie jedoch noch weniger.
Viele Beobachter meinen, ein klärendes Wort der Fürstin könnte schnell Abhilfe
in dem ganzen Hick-Hack schaffen. Aber auch bei einem solchen wäre es sicher, daß es aus allen Ecken wieder "Manipulation" schallt oder man glaubt, der
fürstliche Verwalter hat die arme alte Dame unter Drogen gesetzt. Die Medien werden hoffen, daß sich so schnell keine Lösung der Streitfragen ergibt, denn
nur das garantiert weiterhin viele Boulevardberichte und uns bürgerlichen Voyeuristen immer einmal wieder auch ein fürstliches Vergnügen.
M.S., Wien
Lohnende Gefolgschaft
Der jetzt wieder aufflammende Streit um Geld, Besitz und Titel hat einen historischen Hintergrund. Die aus dem 13.
Jh. stammende Adelsfamilie Esterházy hat durch ihre Treue zum Herrscherhaus, ihre wesentliche Beteiligung an den Türkenkriegen und so ziemlich allen Eroberungszügen, nicht nur den
Fürstentitel sondern auch jede Menge Hab und Gut erdient. Als aber ab 1918 die Habsburger in mehreren Stufen (1935 gab es von den Austrofaschisten etwas
zurück, 1938 griffen die deutschen Nazis zu) "enteignet" wurden, unterliess man es weitgehend, auch den Besitz ihrer treuen adligen Handlanger zu
requirieren. Dass erst 1922 in den gesetzlichen Geltungsbereich zurückkehrende Burgenland, und damit auch große Besitzungen der Esterházys, wurden vom sog. Adelsaufhebungsgesetz ausgespart, obwohl es
Verfassungsrang hatte. Auch die Habsburger konnten so noch viele ihrer Goldesel in trockene Tücher bringen. Seit 1955 gelangte die sogenannte Lex
Habsburg in den Österreichischen Staatsvertrag und ist bis heute geltendes Recht. Daß man nicht dem gesamten Hochadel nahm, was dieser sich vorher
über Jahrhunderte genommen, erobert, durch Gefolgschaft "verdient" hatte, geschah aus Staatsräson, man brauchte politische Verbündete ebenso wie die
wirtschaftliche Potenz der alten Familien, die über die größten Teile der Land- und Forstwirtschaft, etlichen Immobilienbesitz und unfassbare Barmittel
verfügten und verfügen. Und so ging der Kelch der "Enteignung", die ja eigentlich nur eine rechtmäßige Umwidmung von Volkseigentum vom alten
auf den neuen Souverän war, an den habsburgtreuen Häusern auf heutigem österreichischen Territorium vorbei. Die nicht unbedeutenden umliegenden
Besitztümer in den nach dem Zweiten Weltkrieg sozialistischen Staaten waren allerdings endgültig futsch. Daß das "verbliebene" Vermögen des Hauses
Esterházy immernoch auf weit über 1 Mrd. EUR geschätzt wird, nebst Ländereien, Forst- und Weinbetrieben, Immobilien und Beteiligungen, läßt erahnen wie immens der Gesamtbesitz dieser "Helden"
österreischisch-ungarischer Geschichte einst gewesen war, und wie groß dadurch auch ihr Einfluss.
WLL
www.burg-fochtenstein.at www.esterhazy.at
IHR KOMMENTAR - GÄSTEBUCH
|