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 FEBRUAR 2007 / WIRTSCHAFT 26.03.2007

 

Kredite für Kreditunwürdige

Die ERSTE Bank Österreich ermöglicht mit einer Anleihe nun erstmals auch Privatanlegern an der Unterstützung aktiver Armutsbekämpfung gewinnbringend teil zu haben - Gleichzeitig will man in Rumänien und anderen Ländern des Ostens selbst in das Microfinance-Geschäft einsteigen. Kredite für Kreditunwürdige: Bekämpfen Banken so ein selbstverschuldetes Phänomen?

"Diese Anleihe ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung", stellt der Vorstandsvorsitzende der ERSTE BANK, Andreas Treichl, bei der Pressekonferenz vergangene Woche in Wien klar. Vielmehr handelt es sich bei der "Erste Bank Mikrofinanz Anleihe 2007-2011" um ein Bankprodukt, daß Anlagesicherheit mit sozialer Verantwortung verknüpfen soll. Mit der sogenannten Mikrofinanzierung werden Menschen, vorwiegend in Asien und Lateinamerika, Kleinstkredite gewährt, die sonst keinen Zugang zum Finanzmarkt haben, und, außer ihrer Arbeitskraft und ihrem Überlebenswillen, keinerlei "Sicherheiten" bieten können. Treichl sieht darin: "...das wirkungsvollste Werkzeug, die Armut nachhaltig zu bekämpfen."
 

Einweihung einer Microfinance Bank in Bombay, Indien - Oft genügen schon geringste Summen, um nicht nur einzelnen Menschen, sondern ganzen Dorfgemeinschaften eine Perspektive zu geben. Auch in Osteuropa besteht ein hoher Bedarf an Kleinstkrediten, den nun auch herkömmliche Banken als gewinnbringendes Geschäftsfeld entdecken. Foto: UNO

 

Im vergangenen Jahr kamen weltweit bereits 36 Millionen in den Genuß eines solchen Minimalkredits, der oft nur wenige Dollar beträgt, die Kreditnehmer aber in die Lage versetzt, Werkzeug und Materialien zu erwerben um einem Gewerbe nachzugehen. Geld, daß ihnen sonst niemand geben würde, außer Wucherer. Der Bedarf auf diesem Marktsegment liegt bei über 1 Mrd. Menschen mit "ungedecktem Kreditbedarf" bis 1000 USD. Es gibt zwar weltweit bereits mehr als 3.000 öffentliche, halböffentliche und private Institute auf diesem Gebiet, doch die erreichen gerade einmal 4% des ausgemachten Potenzials.

 

Sichere 4 % und ein gutes Gewissen

Die Gewinnerwartung der Anleihe lieg mit 4% relativ niedrig. Betont wird aber die hohe Kapitalsicherheit, die vor allem durch eine breite Streuung der Investition sowie die enorm hohe Rückzahlungsrate von 98% bei Mikrokrediten gewährleistet werden wird. Auch sei der Markt der Kleinstkredite von Weltmarktentwicklungen oder anderen Anlageklassen weitgehend abgekoppelt. Die nicht zu übersehende Differenz aus den bei Microfinance-Instituten durchaus üblichen 15-20% Zinsen p.a. für den Kreditnehmer und der Rendite für den Anleger wird durch hohe Kosten bei der Diversifikation, hohen Personalaufwand vor Ort und die Währungsrisiken erklärt, da Kleinstkredite grundsätzlich in den Landeswährungen der währungstechnisch oft schwankungsstarken Volkswirtschaften ausgegeben werden.

Das Anleihevolumen steht noch nicht fest, "aber weniger als 100 Mio. EUR wären eher enttäuschend" meint der Bankchef zu seinen Erwartungen. Der Anleiheausgeber ERSTE BANK wird sich auch selbst beteiligen, Höhe aber noch unbestimmt. Die Anleihe füllt den bereits existierenden Fonds "Due & Return" der Gesellschaft Absolute Asset Management auf, die wiederum dann für die Investition in die Mikrofinanzunternehmen sorgt, in welchem sich bereits institutionelle und andere Großanleger engagiert haben.

Über diese Anleihe der ERSTEN Bank haben nun erstmals auch Privatanleger bereits ab einer Mindestzeichnung von 3.000.- EUR (Zeichnungsfrist bis Ende März 2007) die Möglichkeit der Partizipation. Um eine Befreiung von der Zinsertragssteuer, aufgrund des karitativen Nutzens, bemüht man sich zwar, sieht dafür aber kaum Chancen, da "österreichische Politiker, gleich welcher Coleur" aufgrund von eigenen Überlegungen zur Gründung von Entwicklungsbanken, "Vorstösse der Privatwirtschaft auf diesem Gebiet nicht so gerne sehen."

Die ERSTE Bank kehrt, laut ihrem Vorstandsvorsitzendem, mit dieser Anleihe zu jenem "Sparkassengedanken" zurück, "mit dem 1819 in Wien die erste Sparkasse gegründet worden ist. Nämlich den Menschen eine Chance auf Zugang zum Finanzmarkt zu geben, die von den herkömmlichen Banken nicht akzeptiert worden sind." Auch die sozial schwache Klientel in Österreich selbst hat die ERSTE wieder für sich entdeckt. Mit dem etwas despektierlich benannten Projekt "Zweite Bank" werden Menschen mit einem Konto versehen, die insolvent oder sonst nicht kreditwürdig (aus dem lat.: glaubwürdig) sind.

 

Bekämpft man ein selbstverschuldetes Phänomen?

Mit der Vergabe des Nobelpreises an den Pionier dieser Finanzierungsform, Muhammad Yunus, im Jahre 2006, bekam dieses Instrument der Armutsbekämpfung weltweit große Aufmerksamkeit, was auch dazu führte: "daß unsere Kunden großes Interesse an Anlagemöglichkeiten, die mit sozialer Verantwortung verknüpft sind, bekundeten.", so Treichl. So löblich das Engagement, nicht nur dieser Bank, auf diesem Sektor sein mag, steckt dahinter doch ein gehöriger Zynismus.

Denn Mikrofinanz bekämpft letztlich ein Phänomen, das der Kreditunwürdigkeit, welches die Banken durch ihre jahrzehntelange Geschäftspolitik zu einem nicht geringen Teil selbst verschuldet haben, ein Phänomen, daß geradezu zum Geschäftsprinzip der Banken erhoben wurde. Die schiere Masse von Menschen, die dieses Problem betrifft, macht diese nun wiederum für eine Rückgewinnung als Kunden interessant. Quantität führt zu veränderter Qualität. Mit einer Anleihe auf Mikrofinanzinstitute verdienen Banken jetzt also Geld mit Leuten, denen sie selbst einst die Türe vor der Nase zugeschlagen haben. Durch den Einstieg von "regulären" Banken in den Mikrofinanzsektor erhalten diese sozusagen ein Sieb, um fähige Kundschaft aus den unteren Bevölkerungsschichten zu fischen und bei diesem Auswahlprozess selbst noch Geld zu machen. Positiv gedreht, ist zu konstatieren, daß der Wille, ein abgeschriebenes Kundenpotenzial wieder "marktfähig" zu machen, den vor Ort Betroffenen tatsächlich hilft, sich selbst zu helfen.

 

6 Millionen potentielle Kleinstkreditnehmer in Rumänien

Auf die Frage dieser Zeitung, nach einem Engagements der osteuropäischen Tochtergesellschaften der ERSTE Bank sowohl beim Vertrieb dieser Anleihe als auch beim Microfinance Geschäft selbst, antwortete Vorstandsvorsitzender Treichl, daß man keine besonderen Erwartungen bei der Zeichnung von Anleihen "in Prag oder bei anderen ERSTE Bank Instituten östlich oder südlich von Wien" habe. "Diese Anleihe ist ein Produkt für den österreichischen Markt." - Im Osten "sind wir schon froh, wenn die dortigen Kunden ERSTE Bank Aktien kaufen."

Allerdings, und das kam auch für die Fachkollegen überraschend, werde man in Ost-, vor allem Südosteuropa selbst in den Markt der Mikrofinanzierung einsteigen. Auf Nachfrage nannte Treichl Rumänien als erstes Ziel für diese Ausdehnung des Geschäftsfeldes. "Dort haben wir einen Bedarf von mindestens 6 Mio. potentiellen Kleinstkreditnehmern" ausgemacht. Doch handele es sich um "kein einfaches Geschäft", weshalb ein Start der Aktivitäten nicht vor Ende 2008, eher erst zu Beginn 2009 zu erwarten ist. Danach wären auch andere Länder in Planung, lautet die noch zurückhaltende Perspektive. Ungarn ist, nach jetzigem Stand der Dinge, nicht dabei.

Marco Schicker

Weitere Informationen: www.erstebank.at

 

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