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Grenzenloses von Wien bis Budapest

Die Österreich-Seiten des PESTER LLOYD

 April 2007 / WIRTSCHAFT

 

In Ungarn würden wir gerne zukaufen...
 

... sagt der Generaldirektor der Wiener Städtische Versicherung / Vienna Insurance Group, Dr. Günter Geyer, im PESTER LLOYD-Interview. Wir sprachen mit ihm über ökonomische Perspektiven im Osten, die Positionierung eines der grössten Versicherungskonzerne Zentral- und Osteuropas, Unternehmenskultur als Erfolgsfaktor und gelangten in einem fast feuilletonistischen Ausklang zum Thema österreichisch-ungarischer Mentalitäten

 

Ihr Unternehmen ist mittlerweile in 20 Ländern aktiv, nach der Kapitalerhöhung Ende 2005 gab es eine fast pausenlose Expansionswelle gen Osten. Beeindruckend, dass dennoch auch eine permanente Ergebnissteigerung erreicht wurde. Nun gehen Sie aber auch in Länder wie Weissrussland, Albanien und - wie Sie gerade heute verkündeten - die Türkei, die auch politisch ein höheres Risiko bedeuten. Werden da die Aktionäre und Investoren nicht doch allmählich nervös?

Ende März legte die Wiener Städtische / Vienna Insurance Group ihre Geschäftszahlen für 2006 vor: ein konsolidiertes Prämienvolumen von knapp 6 Mrd. EUR, davon 2 Mrd. aus Osteuropa - ein Rekordgewinn von 321 Mio EUR, wiederum ein knappes Drittel davon aus den Beteiligungen in CEE und SEE mit meist zweistelligen Wachstumsraten sowie eine Erhöhung der Dividende um ein weiteres Viertel auf nun 82 Cent / Aktie, weisen das Unternehmen als einen der führenden Versicherungskonzerne Zentral- und Osteuropas aus. Mit einer Aufstockung in der Ukraine, dem Einstieg ins Türkei-Geschäft und ersten Schritten in Albanien, ist man nun in 20 Ländern aktiv. Gründe genug für ein Gespräch mit dem Generaldirektor über Entwicklungen, Aussichten und Erfolgsrezepte. Wir trafen Dr. Günter Geyer, der seit über 30 Jahren im Unternehmen tätig ist, am Sitz der Konzernzentrale, dem Wiener Ringturm (Abb. unten).

Als wir damals 1989 in der damaligen Tschechoslowakei mit der Gründung der ersten privaten Versicherungsgesellschaft begannen, gab es noch ein gewisses Risiko, weil man zu der Zeit nicht genau wissen konnte, wie sich die Auflösung der kommunistischen Strukturen abspielen würde. Und natürlich gehört bis heute das Risikobewußstsein zur Tätigkeit eines Versicherungsunternehmens. Wenn man aber andererseits den rechtzeitigen Markteinstieg verpasst hat, dann muss man später deutlich mehr bezahlen. Und wir hatten bisher noch in keinem der Länder irgendeinen Nachteil aus politischen Gründen. Aber ich sehe diese Fragen eher praxisorientiert. Nehmen wir das Beispiel Albanien, dort haben wir mit einem Marktanteil von jetzt 18-19% einen Superstart geschafft, aber das Prämienvolumen, wir sprechen hier von ca. 15-16 Mio. EUR im Verhältnis zu knapp 6 Mrd. EUR im Gesamtkonzern, ist doch minimal. Wir sind auch in Russland aktiv, einem Land, dass in absehbarer Zeit kaum EU-Mitglied werden wird. Andererseits glaube ich aber nicht, dass Russland in ein antimarktwirtschaftliches System abgleiten wird. Wir gehen bei unseren Entscheidungen also eher von der Marktsituation und den wirtschaftlichen Perspektiven aus.

 

Wie berwerten Sie diese? Die Versicherungsdurchdringung, also der Anteil des für Versicherungen veranlagten Geldes im Vergleich zum BIP liegt ja in den Ostländern nur bei einem Fünftel bis zu einem Zehntel im Vergleich zu Westeuropa, (z.B. Rumänien 1,5%, Westeuropa ca. 8,6%). Ist eine Angleichung überhaupt absehbar?

Wir planen in Zeiträumen, je nach Land, von etwa 10 bis 25 Jahren. Es ist klar, dass mit steigendem Lebensstandard die Versicherungsdichte steigt. Wenn Sie die normale Bedürfnispyramide des Durchschnittsbürgers anschauen, dann möchte dieser sich zuerst ein Auto kaufen, eine Wohnung haben, sich ein Haus bauen. Wenn er dann noch etwas übrig hat, wird er dafür sorgen, dass er auch, wenn er nicht mehr arbeitet, abgesichert ist und sich umschauen, dass er sich eine private Krankenversicherung leisten kann. Aber wenn wir nur die Entwicklungen der letzten acht, zehn Jahre, zum Beispiel in Ungarn, betrachten, dann sehen wir, was für eine faszinierende Entwicklung dieses Land gemacht hat. Wenn Sie heute von Wien in die Gegend um Györ, Sopron fahren, merken sie gar nicht mehr soviel Unterschiede. Natürlich ist das in Ostungarn etwas differenzieter, aber das war es immer schon. Aber auch dort ist eine deutliche Aufwärtsbewegung erkennbar.

 

Wie sehen Sie ihre Positionierung in diesen Entwicklungsmärkten?

Gerade in diesen dynamischen Ländern sind wir sehr stark. Wir haben dieses Jahr festgestellt, dass die Prämieneinnahmen bei Sachversicherungen aus den CEE-Ländern zum erstenmal die unseres Österreichgeschäftes übersteigen. Und diese Entwicklung wird weitergehen. Damit ist auch die Ertragsseite, wenn man keine Fehler macht, eigentlich schon prognostiziert. Was unsere Gruppe dabei sehr deutlich von anderen internationalen Unternehmen unterscheidet: wir lassen das Geld, dass wir in dem jeweiligen Land verdienen, auch komplett im Land. Wir brauchen es nicht für die Dividende und so werden wir als nationale Unternehmen wahrgenommen, die indirekt auch zur wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder beitragen. In Tschechien und der Slowakei haben wir einen Marktanteil von ca. 30%. Das sind jährlich viele Milliarden Kronen, die dort eingenommen, aber auch wieder ausgegeben werden. Das ist für uns sozusagen ein Multiplikatoreffekt.

 

Man stellt, wenn man sich Ihre Konzernstruktur anschaut, ohnehin fest, dass sie auf eine relative Selbständigkeit Ihrer Beteiligungen wert legen, die einzelnen Gesellschaften behalten ihre Namen, es gibt keine einheitliche "Konzernsprache". Ist aber eine solche integrative Unternehmenskultur nicht eher ineffizient oder liegt gerade in kultureller Sensibilität ein nicht unwesentlicher Aspekt Ihres Erfolges?

Wir pflegen hier eine Kultur des Zueiander, unter dem Familiennamen Vienna Insurance Group. Natürlich werden die grundlegenden Strategien, die jährlichen Planungen in enger Koordination unter dem Dach des Konzerns erarbeitet. Was aber die Durchführung betrifft, agieren die einzelnen Gesellschaften bei uns sehr selbständig. Wir schaffen auch keine Zwischenhirarchien. Jeder unserer Vorstände in Wien ist auch in einem oder mehreren dieser Länder verantwortlich tätig. Wir sind zudem der einzige Konzern, der den Gesellschaften, wenn Sie einen eingeführten Namen haben, ihnen diesen Namen lässt. In Ungarn haben wir sogar eine Art Re-Magyarisierung durchgeführt. Es existierte vor dem Ersten Weltkrieg eine Union Versicherung in Budapest mit einer Zweigestelle in Wien. Als die Mutter durch den Krieg in Ungarn zu Grunde ging, blieb die Tochtergesellschaft in Wien, die unter das Dach der Wiener Städtischen kam und nun wieder in Budapest firmiert.

 

Aber bei 20 Auslandstöchtern gibt es doch eine ziemliche babylonische Sprachverwirrung...

Was die Arbeitssprache betrifft: Wissen Sie, mir ist es wichtig, dass der Rumäne in Rumänien seine Arbeit perfekt macht. Und wenn er dabei ausser Rumänisch kein einziges Wort in einer anderen Sprache beherrscht, ist mir das viel lieber, als wenn da einer mit vier Fremdsprachen kommt, aber sonst nichts kann. Und wenn es wichtige Dinge zu besprechen gibt, dann haben wir entweder vor Ort oder hier in der Zentrale immer jemanden, der beide Sprachen perfekt beherrscht. Denn auch mit guten Sprachkentnissen können Sie gerade bei emotionalen Themen, Probleme nicht so rüberbringen, wie in der Muttersprache. Grosse Konzerne glauben, es ist super, eine einheitliche Konzernsprache zu haben, wir vermitteln unseren Leuten aber das Gefühl, dass sie gleichwertige Parnter sind.

 

Wie zufrieden sind Sie mit der ungarischen Tochter, der Union Biztosito, im Verhältnis zu vergleichbaren Ländern. Der Marktanteil hier ist ja doch noch deutlich geringer als beispielsweise in der Slowakei und in Ihrer Kriegskasse liegen ja von der letzten Kapitalerhöhung noch 240 Mio. EUR, wie zu hören war.

Ungarn ist für uns schon ein besonderes Nachbarland und wir sind mit der Gesellschaft, dem Management wie den Mitarbeitern äusserst zufrieden. Wir haben, fast überraschend, schon im Jahre 2005 den Turnover geschafft. Leider sind wir in Ungarn noch nicht so gross wie wir sein wollen. Ich würde hier gern etwas dazukaufen, aber das muss sich aus dem Markt ergeben.

 

Die wirtschafltichen Aussichten für die nächsten Jahre, sind wegen der Reformpolitik, vor allem bei den Einkommen in Ungarn trüber als bisher. Könnte sich das auch auf Ihr Geschäft auswirken?

Nein, da habe ich überhaupt keine Befürchtungen. Der Bedarf, die passenden Produkte und auch der Nachholebedarf sind da.

 

Sie sind durch Ihre Tätigkeit sehr viel in Osteuropa unterwegs, Ihr Unternehmen profitiert, wie fast alle österreichischen Unternehmen, ganz enorm von den Entwicklungen in Osteuropa. Die Gewinne kommen in immer stärkerem Masse aus dem Osten. Warum aber ist die Stimmung gegenüber der EU-Erweiterung in der Bevölkerung so negativ und überhaupt das Interesse an den östlichen Nachbarn so gering. Ein politisches, mediales oder menschliches Phänomen? Ein wirtschaftliches kann es ja nicht sein...

Dieses Thema beschäftigt uns auch. Man muss es aber differenzieren. Alles was nach Veränderung riecht, sieht der Österreicher zuerst als Gefahr, ist aber dann so wendig, dass er am Ende doch schneller ist als andere. Wien war und ist ja schon immer ein Schmelztiegel von verschiedenen Völkern. Und der Ungar ist aus der Sicht des Ostösterreichers ein intelligenter, fleissiger Mensch, der sich so auskennt, dass er´s auch zeigt. Der Ungar wird vom Österreicher sogar positiver gesehen, als er sich - wie ich in Ihrer Zeitung las - selber sieht. Was aber die Unzufriedenheit hierzulande angeht: der Österreicher will nicht unbedingt hören, wie gut es ihm geht.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie es bei uns im Hause war als wir in den Osten gegangen sind. Da hiess es auch: Na, hamma des notwendig... - und heute ist man stolz darauf. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass die Politik, die Ursachen für Probleme, die sie nicht sonderlich geschickt gelöst hat, gerne auf andere schiebt. Stichwort: Zuwanderung. Es ist eben so: Der Wiener muss immer raunzen, das will er sich nicht nehmen lassen, egal wie gut es ihm eigentlich geht. Erst wird geschimpft, aber dann fährt man in den Urlaub an den Balaton. In Wirklichkeit würde ich also die Stimmung gar nicht als so schlecht beschreiben.

Das Gespräch führte Marco Schicker

Fotos: Wiener Städtische

 

 

 

 

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